Paradigmenwechsel

Manchmal treibt mich eine ungeheure Nervosität um – mein Innerstes verliert sich in hektischen Gedanken, meine Füße werden kalt, meine Hände feucht. Mein Atem geht flach und gepresst, mein Blick wird fahrig. Diese Unruhe stellt sich meist ein, wenn ich mich fremdbestimmt fühle, in einer Situation, die nicht mir entspricht. Und meine Energie kein Ventil findet.

Ich mag meine Unabhängigkeit, sie gibt mir Kraft und Ruhe. Ich weiß, dass ich mich auf mich, meine Intuition und meine Entscheidungen verlassen kann. Dass ich gut für mich sorge, dass ich mich nicht im Stich lasse und dass ich mich liebe. Dieses Wissen hat mich nicht als Geschenk gefunden, vielmehr sind es Lebenslektionen mit denen ich hadere. Die schmerzhaft sind und waren, verlustreich und enttäuschend. Die mich immer wieder auf ein Ich zurückwarfen – zu einer Zeit, in der ich nicht wusste, wer ich bin. In denen ich mich zwang, zwingen musste mich selbst zu schützen – weil niemand den Job übernehmen wollte oder konnte. Die Angst davor mich im Schmerz zu verlieren, ließ mich umso fester die Kontrolle über selbigen übernehmen. Deshalb wirke ich stark nach außen, ein unerschütterlicher Fels, mächtig. Ich bin es nicht. Ich bin verletzlich, unsicher, schüchtern, ängstlich – genauso wie ich mutig, ausdauernd, neugierig und optimistisch bin. Mir war lange nicht klar, dass ich mich nicht für eine Seite davon entscheiden muss, mich also nicht verändern muss und etwas abstoßen muss, sondern dass ich beides sein darf. Und auch beides zur selben Zeit. Mir war lange nicht klar, welches Potential in beiden Seiten steckt und welche Energie in mir. Wenn ich meine Energie spürte, dann meistens im Schmerz, im Zorn. Diese Energie wurde mir vertraut – ich verwechselte sie mit Stärke und mit Festigkeit.

Wenn ich ein Gespräch mit einem Menschen führe und das Gefühl habe, ihn oder sie im Gespräch zu erkennen, Trost spenden, Zuversicht schenken und Mut zusprechen kann, dann empfinde ich pures, lebendiges Wohlsein. Wenn ich ein berufliches Projekt lenke, lose Enden durch eine Idee verknüpfen kann, meinen Verstand einsetzen, mein Wissen einbringen kann, dann belebt mich das. Beides, der zwischenmenschliche Kontakt und eine sinnstiftende Arbeit, das verleiht mir ebenfalls Energie. Diese Energie ist warm, weich und sanft. Um sie zu spüren brauchte ich aber einen Gegenspieler: Einen Menschen, der sich mir anvertraut oder ein Projekt was mir zugetragen wird.

Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Sport. Das liegt an meiner Geschichte und daran, wie in meinen Augen hierzulande Sport in Gruppen betrieben wird und wie ich ihn erfahren habe. Sport ist demnach Wettkampf, es gibt einen Gewinner, einen Verlierer. Sport ist die Droge einer, auf eine fragwürdige Ästhetik versessenen Gesellschaft. Sport ist Askese, ist die Dominanz des Geistes über den Körper. Und damit keine Philosophie für die ich stehe, mit der ich mich identifiziere. Für mich unwürdig, vielleicht auch, weil ich in diesem Bild nur verlieren konnte. Und verloren habe. Ich akzeptierte das Etikett, dass ich eben bewegungsfaul bin. Auch wenn ich dieses Etikett nicht mochte. Und es nicht zu mir passte. Bis mir klar wurde, dass meine Definition von Bewegung eben nicht zur oben beschriebenen Philosophie passt. Für mich ist Sport kein Wettkampf, kein Siegen über meinen Körper, kein Treiben zu besserer Leistung. Für mich ist Sport die Möglichkeit mit mir ins Gespräch zu kommen. Meinen Körper zu spüren, ihn zu fördern, mit ihm gemeinsam zu entdecken, was wir erreichen können. Für mich ist Sport Stille und zur Ruhe kommen, Meditation und Entspannung – sofern ich ihn impulshaft betreiben kann. Sofern ich einen Berg besteigen kann, wenn mir mein Inneres sagt: Ich will einen Berg besteigen.  Das ist nicht immer möglich. Im Alltag ist wenig Zeit für diese Impulse und nicht immer ist ein Berg vorhanden. Und ich war bisher zu wenig kreativ, mir einen solchen zu suchen. Ich habe mich stattdessen zu sehr mit anderen und deren Bewegungsimpulsen verglichen und gemessen und dabei mich und meine Bedürfnisse aus den Augen verloren.

Ich bin im Urlaub aufgewacht. Morgens um 6 Uhr, voller Unruhe und Hektik. Ich konnte es nicht erwarten aufzustehen, hinaus zu gehen. Ich musste raus. Ich musste auf einen Berg. Ich war komplett überrascht von diesem Gefühl. Kein Nachdenken, kein Zögern, nur der Wille, jetzt hinaus zu gehen. Ich folgte mir, bestieg nicht einen, sondern zwei Berge. Blickte nicht einmal zurück, war nicht erschöpft, nicht kraftlos, sondern ganz bei mir. Ruhig, ausgeglichen, froh. Ich folgte mir in meinem Tempo, maß mich mit niemandem, sondern kam ins Gespräch mit meinem Körper. Ich hätte nicht glücklicher sein können. Und da war sie wieder: Die sanfte Energie, die warme, weiche. Aber sie hatte die Kraft der zornigen, schmerzhaften Energie. Nur tat sie nicht mehr weh. Sie trug mich wie auf riesigen Schwingen – obwohl ich müde, verschwitzt und erschöpft war, fühlte ich mich leicht. Frei. Versöhnt. Erhaben. Und still. So ruhig, wie schon lange nicht mehr. Und in der Stille fand ich mein Ich. Jetzt will ich es kennenlernen.

Schritte

2 comments

  1. Liebe Anna, das alleine sein in diesen Urlaubstagen auf Santorini war für deine persönliche Entwicklung sehr fruchtbar. Ich bin tief beeindruckt und stolz wie du dich dem Leben geöffnet hast. Wie du das “ Nichts“ zugelassen hast und dich nicht mit billigem Amusement betäubt hast(Tourismusindustrie).
    So hast du in der Stille und beim Wandern den Raum geschaffen, der dir eine tiefgreifende und wertvolle Erfahrung mit dir , der Natur und einem Menschen( in der Kirche) ermöglicht hat !
    Ich bin dankbar, dass ich daran teilhaben darf über die „Guthen Geschichten“ !
    Ich lese gerade ein sehr interessantes Buch: „Warum nicht ? Über die Möglichkeit des Unmöglichen.“ Der Autor heißt Uwe Böschemeyer. Es geht um die Grundlagen für ein sinnerfülltes und selbstbestimmtes Leben. Es geht den Fragen nach: Haben wir genug gesucht, gelebt, geliebt- haben wir das Wesentliche gefunden?

  2. Liebe Anna,
    im wahren Wortsinn ein weiter Weg -ein schmerzhafter und mühsamer. Es erfüllt mich mit Stolz, dass du ihn gegangen bist, nicht auf halber Strecke kehrtgemacht hast, ja sogar Berge bestiegen und Gipfel erreicht hast. Und das Schönste und Wunderbarste – du hast zu dir gefunden -aus eigener Kraft !
    Für den weiteren Weg (bald bist du seit 30 Jahren auf dieser Welt) wünsche ich dir starke, wohlwollende und lebensfrohe Begleiter(innen) !
    Bei denen du beide Seiten leben kannst und die dich , wenn du es brauchst, auch ermutigen und wo du ausruhen kannst….

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