Perspektivwechsel

Wer sich vor sagen wir 10 Jahren übers Internet gefunden hatte, dem haftete ein gewisser Makel an. Zu dieser noch dunklen Zeit was Datingplattformen betraf, munkelte man von Triebtätern, verstörten Randgruppen und asozialen Psychopathen, wenn man den allgemeinen Foren- und Chatnutzer charakterisieren wollte. Soziale Netzwerke waren noch lange nicht in der Masse angekommen und allenfalls solche Persönlichkeiten, die es „im wahren Leben eh nie schaffen werden“ sahen sich im WWW nach einem passenden Partner um: Darin war sich der Volksmund einig. Den virtuellen Kontakt galt es lange als suspekt einzustufen. Jemanden zuerst nach seinen getippten Worten statt nach seinem Aussehen zu beurteilen, das war doch mit Verlaub, skurril.

10 Jahre später hat sich einiges alles geändert. Heutzutage bleibt dem neurotisch beschäftigten Großstädter keine Zeit sich „im wahren Leben“ in Ruhe umzuschauen, im ländlichen Habitat bietet das Internet ungeahnte Kennenlernmöglichkeiten. Datingplattformen boomen dank Freundes-Partner-Affärensuche von einsamen Herzen. Ein schier endloser Bilderkatalog an Profilen ermöglicht die schnelle visuelle Selektion, ein nach wissenschaftlichen Methoden erschaffener Kriterien- und Vorliebenkatalog lässt eine Auswahl in die passende Schublade zu. Blöd, wer noch normal jemanden in der Bahn oder Kneipe kennenlernt. Geschweige denn über den Freundeskreis. Man weiß ja nichts über den/die Fremde/n, kennt keinen Steckbrief und kann nach ein paar Bier seinem eigenen Sehvermögen auch nicht mehr ganz trauen. Wer weiß welchen Psychopathen man da gerade gegenüberstehen hat. Lieber schnell wieder in die sterile Welt der Datingplattformen, da weiß man was man hat und woran man ist. Und oft muss es hier gar nicht zu einem realen Kennenlernen kommen, umso besser. Und so kommt es, dass das soziale Leben außerhalb eines festgesteckten Freundeskreises in der Realität verstummt. Mit gezückten Smartphones in die virtuelle Kommunikation vertieft, überhören wir ein „Guten Morgen“ oder auch ein „Darf ich Sie auf ein Getränk einladen?“.

Schauen wir einmal 10 Jahre in die Zukunft. Ein gut funktionierendes Geschäftsmodell hat sich in der Realität etabliert. In sogenannten Cafe-Sessions lernen Menschen wieder das Gespräch miteinander und wie sie in ganzen Sätzen auf ein „Guten Morgen“ reagieren können. Wichtigste Lektion dabei: Dem Gegenüber live in die Augen schauen und dem Blick standhalten.

2 comments

  1. Liebste Anna,
    ich schaue gerne ab und zu vorbei. Danke für die gut(h)en Geschichten!
    Viele Grüße aus Hamburg,
    Karo
    P.S. Ich hab es übrigens schon vor 10 Jahren mit dem Onlinedating probiert, ganz ohne Makel 😉

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