Generationengespräch

Heute rief ich meine Oma an. Im Januar feiert sie ihren 80ten Geburtstag. Ich gebe zu, ich rufe meine Oma weitaus weniger häufig an, als sich das gehört. Und unser letztes Gespräch hat mir gezeigt, dass ich vielleicht häufiger anrufen sollte. Nur um nicht zu vergessen, wie die Perspektive eines 80 jährigen Menschen auf die Welt ist. Welche Sorgen und Nöte man dann hat und vor allem wie man seine Umgebung wahrnimmt. Das rückt die eigene Perspektive auch immer wieder gerade.

Zurück zum Telefonat. Die erste Frage meiner Oma galt meinem Liebesleben. Nun muss man wissen, dass meine Oma selbst kein Kind von Traurigkeit war, ganz im Gegenteil. Mein Opa, ihr Mann, ließ einmal (gegenüber meinem Bruder) verlauten: Wenn man so einen steilen Zahn wie meine Oma erobern wollte, dann müsse man schon auf dem Hauptgleis vorfahren. Was er getan hat. Meine Oma hat jedoch auch ab und an mal die Abstellgleise erkundet. Diesbezüglich ist meine Oma also eine aufgeschlossene Frau. Man kann als Enkelin auspacken, von den Abenteuern in der Großstadt die man da so erlebt. Und von den Abstellgleisen auf die man gerät.

Während ich meiner Oma also von meinem Liebesleben erzähle, wird mir meine eigene Freiheit bewusst. Meine Oma war eine junge, schöne Frau in den 50er Jahren. Aber sie konnte sich nicht einfach so mit einem Mann treffen, geschweige denn bei ihm übernachten. Sie konnte nicht ohne weiteres eine eigene Wohnung mieten, ihr Lebensweg war durchaus vorgezeichnet: einen Mann finden, versorgt sein, Kinder bekommen und großziehen, den Haushalt besorgen. Natürlich hätte sie auch visionäre Träume hegen können, ausbrechen können – aber das tat sie nur in kleinen Fluchten. Meine Oma war eine ganz normale, junge Frau ihrer Generation. Frauen in meinem Alter können heute so viel mehr: Alleine wohnen, ihr eigenes Geld verdienen, den Männern den Chefsessel streitig machen, sich Liebhaber nehmen passend zur Lippenstiftfarbe. Es ist nicht gesagt, dass wir dafür nicht verurteilt, beäugt oder beschwichtigt werden. Wer braucht schon eine Frauenquote; wenn eine Frau mehr als 30 Männer hatte ist sie doch gewiss ein leichtes Mädchen und warum ist die da überhaupt noch Single mit über 30? Stimmt mit der was nicht? Ja – auch das ist (immernoch) Realität. Und dennoch ist es eine freiere als die vor über 60 Jahren. Das zeigt mir, dass einige Visionärinnen mit Erfolg aus ihrer Zeit ausgebrochen sind. Und Frauen wie mir heute viel ermöglicht haben. Und ich nie aufhören sollte eigene Visionen vom Ausbrechen zu entwickeln.

Dann erzählte mir Oma, wie es ihr so geht. Natürlich die üblichen Zipperlein, die schwindenden Kräfte und mit ihnen die kleiner werdende Lebenslust. Dass eine Busfahrt in die Stadt ein halsbrecherisches Wagnis werden kann, wenn man es nicht schafft schnell genug einen Sitzplatz zu ergattern, bevor der Bus anfährt. Und dass die Stadt, in der ich mit ihr groß geworden bin, sich verändert. Die kleinen Geschäfte verschwinden, die meine Oma kannte. Wo man sie kannte. Wo man wusste, welche Kleidergröße sie trug und welchen Geschmack sie hat. Sie findet sich in den großen Kaufhäusern nicht mehr zurecht. Findet keine Verkäuferin und keinen Verkäufer die sie um Hilfe bitten könnte. Traut sich nicht mehr zu fragen. Kommt sich dumm vor, sich nicht mehr zurecht zu finden. Fängt dadurch an zu stottern. Schämt sich dafür. Wirkt plötzlich uralt.

Meine Oma war nie eine besonders mutige Frau. Aber sie hatte immer Träume. Städte bereisen, die Welt entdecken, in mondänen Hotels absteigen, leben. Sie hat immer auf jemanden gewartet, der sie bei der Hand nimmt und ihre Träume wahr werden lässt. Das wird ihr jetzt zum Verhängnis. Ihre Stadt wird modern, effizient, geschäftig. Es gibt niemanden, der sie an der Hand nimmt und sie mit nimmt. Und niemanden, der sich von ihr zeigen lassen könnte, wie schön ein selbst gepflücktes Schneeglöckchen in einer Vase sein kann, wie man eine Soße zur Formvollendung bringt und einen Nylonstrumpf wäscht, dass er für die Ewigkeit hält.