Prioritäten

Ich war gestern als Mentorin unterwegs und zwischen ein paar Häppchen kam ich mit einer Kollegin ins Gespräch. Britta ist Medizinerin, liebäugelte aber immer mit den Geisteswissenschaften und hätte sich auch durchaus mit Kunstgeschichte als Studiengang anfreunden können. Mit meinen angewandten Geisteswissenschaften habe ich wiederum immer über einen so eindeutig zu verortenden Beruf wie Ärztin nachgedacht (meine Omas könnten dann auch mehr mit dem Broterwerb der Enkelin anfangen, als mit deren jetziger Berufsbezeichnung als „Kampagnenmanagerin“). Die letzten Jahre habe ich auch mehr als einmal überlegt, ob mir ein Berufsfeld wie Medizin mehr Sinn geben würde, mich mehr fordern und folglich vielleicht glücklicher machen würde. Es war hoch interessant einmal Brittas Perspektive zu hören, wie sie die Medizin wahrnimmt. Wie wenig Platz darin mittlerweile für den Dienst am Menschen ist, wie jede Behandlung in den ökonomischen Zahlen erstickt, sich dem wirtschaftlichen „Value“, den der Patient hat oder nicht hat, unterordnen muss.

Wir sprachen über das Leben und die Entscheidungen die man für sich darin trifft, wobei die Berufswahl mit Sicherheit eine sehr prägende ist. Zwei Impulse von Britta haben es mir wirklich angetan. Zum einen meinte sie: „Wir entscheiden uns irgendwann für einen Weg und fragen uns dann, während wir ihn gehen: Was ist mit all den anderen Abzweigungen, hätten sie mich vielleicht glücklicher machen können?“

Britta ist 10 Jahre älter als ich, hat eine 10 Monate alte Tochter und beneidete mich wirklich: Darum, dass ich Zeit habe trotz meines Berufs. Oder gerade durch meinen Beruf. Zeit für meine Freizeit, fürs Leben, fürs Reisen, für all die schönen Dinge. Sie betonte immer wieder, dass sie gerne weniger ehrgeizig gewesen wäre zugunsten von mehr Leben, mehr Entdecken, mehr Ausprobieren. Ich wiederum fühle mich öfters einmal stark verunsichert, weil ich eben nicht von einem Meeting zum anderen hetze, nur selten Termine mein Leben diktieren, ich bisher noch nie so viele Überstunden machen musste, dass ich mehr in meinem Büro als in meinem Heim Zuhause war. Ich bin nicht von meinem Job getrieben. Und dennoch fühle ich mich mit Ende Zwanzig im Vergleich zu meinen gleichaltrigen Freunden weniger produktiv, weniger beschäftigt, weniger im Karrierefluss. Ich kenne die Langeweile besser als die Überforderung oder den Stress. Ich habe ein geregeltes Arbeitsleben, einen sicheren und im Verhältnis gut bezahlten Job, bin früh zu Hause, meine Projekte sind überschaubar und ich habe Zeit für mich, für meine Freizeit, für Freunde. Bisher wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass mich jemand darum beneiden könnte oder dass ich etwas genau richtig gemacht habe. Ich fühlte mich eher unpassend in einer auf Effizienz und Produktivität getrimmten Leistungsgesellschaft, deren Ziel ist nach „Mehr“ zu streben. Dazu kommt, dass das Leben meiner Freunde meist ganz anders ist und die wenigsten dadurch meine Freizeit mit mir teilen können…weil eben noch schnell ein Projekt rein gekommen ist, man doch kurzfristig die halbe Nacht durcharbeiten muss, etc.

Und dann kam Britta : „Anna, ich habe viel mit Patienten zu tun, die wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie blicken auf ihr Leben zurück und wünschen sich mehr Zeit mit der Familie, mit Freunden verbracht zu haben, intensiver gelebt zu haben. Ich habe noch nie jemanden sagen hören ‚Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet oder mehr Zeit mit meinem Job verbracht.'“

Ich bin froh Britta begegnet zu sein. Meine Prioritäten sind wieder klar. An erster Stelle steht das Leben.

2 comments

  1. Schick Britta mal nach Wolfsburg – ist Sie Psychologin? Anna du schreibst mir aus der Seele…i´m on your site. Aber dennoch: Ich glaube beide Extreme sind nicht gut!

    1. Liebe Granate 😉 Britta ist Internistin. Und Langeweile auf Dauer ist genauso wenig erstrebenswert wie permanenter Stress, da bin ich bei dir. Aber oft schenkt uns erst die Langeweile die Möglichkeit uns Gedanken darüber zu machen, was wir wirklich wollen. Im Stress bleibt uns dafür keine Zeit. Und am Ende fällt die Entscheidung, das Leben zu LEBEN 😀

Comments are closed.