The beauty of the beast

Das Wichtigste vorab: Es geht mir gut. Sehr sogar. Warum ich das schreibe? Weil meine (Reise-)Berichte bisweilen zu erschrockenen Nachfragen bei meinen Freunden führten. Man hoffe, dass ich trotz der Erlebnisse meinen Urlaub genieße, dass ich nicht mehr alleine reisen soll, nicht mehr in Touristenhochburgen fahren soll – kurzum mir sowas doch bitte nicht antun soll. Das ehrt meine Freunde, dass sie sich um mich sorgen. Dafür sind Freunde da. Sie beschützen einen manchmal vor allzu großen Dummheiten, stärken einem den Rücken, sprechen Mut zu, sind für einen da.

Ich frage mich jedoch, ob wir in Zeiten fröhlich herum hüpfender Facebook-Timelines auch die Schattenseiten in unserem Leben bewundern dürfen. Über sie berichten, sie damit festhalten und betrachten dürfen. Oder ob dieses Betrachten uns mit Unbehagen erfüllt – einem Unwohlsein, dass in einer Gesellschaft existiert, die nicht offen über Enttäuschungen, Scheitern und Hoffnungslosigkeit sprechen kann. Vielleicht auch nicht darf – denn dann haben wir es ja wieder: Dieses Unwohlsein. In meiner Überzeugung lassen uns aber nur ein gelegentliches Scheitern, eine erfahrene Enttäuschung, ein Nichterfüllen eines langgehegten Traumes fähig dazu sein, überhaupt zu Träumen, zu Erwarten und ein Geschenk zu empfangen. Das hört sich paradox an? Nein, es ist eigentlich ein simples Bild, welches vor mir schon viele Glaubensrichtungen in unterschiedlichen Formen festgehalten haben: Nur wer ein Tal kennt, der kann wissen, wie es ist, wenn man dieses überwunden hat und es von einem Berg aus betrachtet. Meine Seele braucht diese Topografie: Sie braucht es ab und an ein Tal zu durchschreiten und einen Berg zu erklimmen, um sich danach erhaben zu fühlen. Einen neuen Horizont zu entdecken, weiter zu sehen. Es gibt ihr ihre Form und das Leben, welches ich erfahre und welches mich erfährt, formt mich. Ich genieße das – ja. Auch wenn ich mich im Tal furchtbar aufrege, zornig bin, enttäuscht, traurig und manchmal einsam. Niemand hat gesagt, dass es leicht ist. Es ist anstrengend – aber bisher hat sich das Aufrappeln immer wieder gelohnt. Es war ein Zeichen, dass ich im Ringen mehr Boden gewonnen als verloren habe. Es zeigt mir wie stark ich bin, wie stolz, wie tollkühn. Es zeigt mir, dass ich versuche meinen eigenen Erwartungen gerecht zu werden: Nämlich in vollen Atemzügen zu leben, auch wenn das heißt sich einmal zu verkalkulieren. Sich unwohl zu fühlen, einsam, zur falschen Zeit am falschen Ort.

Deshalb schenke ich mir diesen Beitrag, als eine Ode an die Schönheit des Biestes. Und daran, dass wir uns erlauben dürfen uns einmal nicht gut zu fühlen. Das Negatives sein darf, weil es uns zeigt, was abwesend ist: Das Gute. Und dadurch das Gute intensiver spürbar wird. Ich bin für ein offen ausgesprochenes Scheitern, dafür, eine Enttäuschung zu betrauern. Es zeigt mir mein Menschsein, es zeigt mir meine Stärke. Und es zeigt mir, wie viele Menschen daran teilhaben und dass ich nicht allein bin. Gerade in solchen Momenten, in denen es sich so anfühlt. The beauty of the beast.

beast

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