Die Schöne und ich

Erwähne ich ihren Namen, dann glänzen die Augen derer, die sie kennen. Für einen kurzen Moment gedenken sie ihrer still und sind in den eigenen Träumereien gefangen. Ihr Duft weht ihnen vielleicht noch kurz in der Nase, flüchtig nur, wie die Erinnerung an sie. Ihre Schönheit betört ihre Bewunderer, Maler, Fotografen suchen sie in Scharen heim, um nur ein bisschen in ihrem Abglanz zu glänzen. Wenn sie von der untergehenden Sonne liebkost wird, so versammeln sich in stummer Anbetung all ihre Besucher und prosten sich auf das unermessliche Glück zu, bei ihr zu sein. In diesem Moment.

Von ihr erzählen alte Schriften, seit jeher zog sie die Menschen mit ihrer Schönheit in den Bann. Doch allzu viel Bewunderung, zu große Schönheit, fordert das Schicksal heraus. Es brodelte in ihr, lange vor unserer Zeit – glühend heiße Feuer suchten die Schöne heim. Zerstörten und zerfraßen ihr Antlitz. Sie zerbrach in drei Teile, in ihrer Mitte eine tiefblaue Wunde.

Santorini, so ihr Name. Heimat für die frisch Vermählten, für die Romantiker, für all die, die sich in ihren gleißend hellen Gassen ewige Liebe schwören, um dann wieder das geblendete Auge in die blaue Ägäis enzutauchen – durchzuatmen und einen Traum zu leben. Ich will ihr einen Besuch abstatten, dieser Schönheit, mich von ihr umarmen lassen und mich von den Wellen, die sie umspülen, aus dem Alltag fort tragen lassen.

Ich lande auf einem Vulkan. Die sengende Sommerhitze hat beinahe jedes Grün verbrannt. Zwischen verdorrten Graslandschaften ragt der glühende Stein hervor, der von Santorini übrig geblieben ist. Die grell weißen Siedlungen wirken wie blank geleckte Kieselsteine, achtlos auf den Felsen verteilt. Der erste Eindruck der Schönen: Ein spröder Charme, ich bin als Besucherin willkommen – solange ich nicht vorhabe für immer zu bleiben. Der Fels zeigt mir die nackte Schulter. Ich versuche es mit einem Lächeln. Einzig das Meer – mein treuer Liebhaber – begrüßt mich wohlwollend. Sanfte Wellen streicheln meinen überhitzten Körper – das Blau eine Wiedergutmachung für meine irritierten Augen. Sieht so Schönheit aus?

Ich mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. Das Postkartenmotiv, der von Kreuzfahrttouristen heimgesuchte Ort, volle Gassen, kreischende Souvenirläden. Ich hetze durch die Gassen, versuche dem Menschenstrom zu entkommen. Santorini stinkt nach Urin – zwischen pitoresken Hotelappartments immer wieder freie Flächen. Hier versuchen Feigenbäume für Ästhetik zu sorgen, es gelingt ihnen nicht: Auf verdorrtem Gras blühen Mülllandschaften, achtlos weg geworfene Wasserflaschen verfangen sich in Plastiktüten. Nachdem ich selbst störrisch meine Wasserflasche mehrere Kilometer durch die Gassen getragen habe, auf der Suche nach einem Mülleimer, kann ich es beinahe verstehen, warum hier so viel Müll in den leer stehenden Grundstücken liegt. Santorini – du Hort der glückseligen Honeymooner – wo bist du? Ich folge den schmalen Pfaden zwischen weißen Häusern, mein Blick richtet sich auf die Caldera. Blau – tiefes, sattes, dunkles, kühles Blau. Besetzt von drei monströsen Kreuzfahrtschiffen. Sie wirken deplaziert, machen die Insellanschaft lächerlich – es lebe die Krone der Schöpfung. Ich will mich in eine der Kirchen flüchten, die Santorini ihren Charakter geben. Hellblaue Kuppeln über strahlendem Weiß. Mit Mühe gelingt es mir zu einer orthodoxen Kirche vorzudringen. Durch den Hintereingang, über den Friedhof. Ich bin fest entschlossen, mir ein Plätzchen zum Innehalten und zur Ruhe kommen zu erbeten. Ich betrete die Kirche, stolpere beinahe über das Stromkabel der Kaffeemaschine, die im Innern aufgebaut ist. Ich blicke in die verwirrten Augen eines Arbeiters: Die Kirche ist geschlossen wegen Restaurierungsarbeiten. Wo ich ansonsten beten könnte? Hm..,welche Religion? Alle orthodoxen Kirchen haben geschlossen. Es gibt eine katholische, die ist geöffnet (und Schauplatz für das Hochzeitsfotoshooting eine asiatischen Paars). Der September ist wohl die Zeit der Wiedererweckung der Kirchen: Es wird gemalert, ausgebessert, erneuert. Ich muss leider draußen bleiben.

Santorini – die Schöne, lässt sich nicht so leicht erobern. Schleudert mir gleißendes Sonnenlicht entgegen und bleibt abweisend. Aber noch lächle ich.

Wir zwei, wir werden uns schon finden, meine Schöne. Wir haben Zeit. Ich werde Dich nicht flüchtig betrachten, ich will Dich kennenlernen. Ich will in Dein Herz sehen und lade Dich in meines ein. Vielleicht nimmst Du die Einladung an.