Der feine Unterschied

Zu Zeiten als Facebook noch StudiVZ hieß, da gab es dort die Gruppe „Ich finde dich schön! Für mehr Offenheit in unserer Gesellschaft“. Über 3.000 Gruppenmitglieder unterstützten diese Aussage, darunter auch ich. Leider ist eine solche freundliche, ja komplimenthafte Offenheit noch lange nicht Usus. Grund genug für mich ein wenig Ursachenforschung zu betreiben. Selbstverständlich auch mit einer ordentlichen Portion eigener Betroffenheit.

Unter Freundinnen ist es durchaus möglich sich einander zu sagen, was einen an der jeweils Anderen fasziniert. Wir sagen uns: „Du bist eine tolle/sexy/intelligente/starke Frau (mit Ausstrahlung)“. Und wir bestätigen uns mit: „Ich finde dich schön!“ Manchmal auch: „Deine Titten/deinen Arsch möchte ich mal haben“ oder „Das hast du jetzt aber wieder auf den Punkt gebracht, toll!“. Wenn wir unter uns, also mit dem gleichen Geschlecht, sind, dann können wir so etwas sagen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Freundin denkt, wir könnten mit diesem Kompliment einen Hintergedanken hegen. Im Gegenteil: Diese positive Zugewandtheit erhält die Freundschaft, wir tun uns gegenseitig etwas Gutes und drücken unsere Wertschätzung für unser Gegenüber aus. Soweit, so unkompliziert.

Wie sieht es nun aber aus, wenn wir dieselbe Offenheit dem anderen Geschlecht schenken. Wenn eine Frau einem Mann gegenüber ihre neutrale, aber durchaus ernst gemeinte Bewunderung kundtut. Ohne Hintergedanken, als Feststellung des Moments, als Wertschätzung des Gegenübers? Genau hier wird es kompliziert. Mann versteht Frau miss und umgekehrt. Ein Kompliment wird zum ersten Flirtversuch, zur Absichtserklärung. Aber, liebe Männer, liebe Frauen, so einfach ist es nun auch nicht. Wenn eine Frau einem Mann sagt „Ich finde dich schön!“, dann ist das noch lange keine Liebeserklärung. Und nicht zwangsläufig ein Flirtversuch. Und ja, dazu gibt es auch eine wissenschaftliche Studie.

Margaret Mead, eine amerikanische Ethnologin des vergangenen Jahrhunderts, erforschte in den Wirren des Zweiten Weltkriegs die Eskalationsstufen eines Flirts. Ein Flirt laufe nach Mead in bis zu 30 Einzelstufen ab, diese Eskalationsstufen würden aber von den Beteiligten meist unterschiedlich eingeordnet. Nicht zu vergessen der gesamte Kontext, in dem ein solcher Flirt ablaufen kann. Mir gefällt diese Wortwahl, denn in der Tat droht Mann oder Frau mit einem unbedacht geäußerten Kompliment eine Situation zu eskalieren. Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder jedem frei von der Leber weg sagen würde, wie gern er oder sie ihn oder sie hat.

Aber noch einmal zurück zu Meads Forschungen. Anlass war folgender (und hier zitiere ich Wikipedia): „Zu jener Zeit waren Hunderttausende amerikanischer Soldaten in England stationiert, und es wurde von Problemen zwischen ihnen und den einheimischen Mädchen berichtet. Diese empfanden die Soldaten als sehr aufdringlich, während die Soldaten davon berichteten, dass die Mädchen gleich mit ihnen schlafen wollten. Mead beobachtete: „Während die amerikanischen Männer sehr schnell versuchten, die Mädchen zu küssen, wurde dieser Schritt von diesen wiederum als völlig unangemessen empfunden, da er auf ihrer „Eskalationsleiter“ erst an 25. Stelle erfolgen konnte.“ Das Küssen stand bei den Männern aber schon an fünfter Stelle. Hatten die Mädchen aber dem Küssen zugestimmt, waren die letzten fünf Stufen dann auch kein großes Hindernis. Dies war wiederum für die Männer unerwartet, so dass sie ihre Partnerin schon fast als Prostituierte charakterisierten.“ Oder um es mit Bart Simpson zu sagen: Ay caramba!

Kritische Stimmen könnten nun anmerken, dass ich ein einfaches Kompliment, welches man seinem Gegenüber ausspricht, nun nicht gleich mit einem Flirt gleichsetzen kann. Doch wenn wir uns die Definition eines Flirts genauer betrachten, dann ist diese durchaus differenziert, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Als erstes wird der Flirt als eine erotisch konnotierte Annäherung gesehen, als Spiel mit der sexuellen Spannung. Ja, das ist eine gängige Definition und diese lässt uns auch schlussfolgern, dass wer flirtet auch die Absicht hat, dass da irgendwann irgendwas läuft. Kratzt man aber ein bisschen an der Oberfläche dieser ersten Definition, dann findet man die Abgründe der von Mead formulierten Eskalationsstufen. Diese zeigen sich nämlich bereits in den von Wikipedia-Autoren gewählten Beispielen für einen Flirt. Und die sind fast ausnahmslos, mit Verlaub, banal: Ein Flirt kann sich also im Blickkontakt äußern, aber auch sprachlich im Smalltalk (hier würde mich dann sehr die erotisch konnotierte Annäherung beim Thema Wetter interessieren) oder durch eine Handlung. Und hier wird mein absolutes Lieblingsbeispiel aufgeführt: Zum Beispiel eine Tür öffnen. Ja ganz recht, wer anderen eine Tür aufhält, könnte je nach Eskalationsstufenempfinden schon für liebestoll und heiratswillig angesehen werden. Diese  Beispiele beschreiben für mich aber erst einmal nichts anderes als eine Aufmerksamkeit, keinen erotisch konnotierten Annäherungsversuch. Und wären damit sehr wohl einem Kompliment gleichzusetzen, nämlich dem, dass man jemand anderem seine Aufmerksamkeit schenkt.

Der Flirt, das Kompliment – eine Geschichte voller Missverständnisse? Wenn wir unsere Scheu betrachten, einem Menschen gegenüber ein Gefühl zu äußern, gerade ein positives, dann mag das vielleicht auch daran liegen, dass wir damit rechnen müssen in 90 Prozent der Fälle missverstanden zu werden. Und uns vielleicht ein erotisch konnotierter Annäherungsversuch in der Hoffnung auf später folgende sexuelle Handlungen unterstellt wird, oder noch schlimmer ernsthafte Liebesabsichten. Iiiiihhhh. Aber vielleicht würde eine pragmatische Betrachtung eines Kompliments, ausgesprochen zwischen Mann und Frau, auch für Ernüchterung sorgen. Das mühsam gehegte Selbstbewusstsein würde zerplatzen wie eine Seifenblase, wenn herauskommen würde, dass nicht jeder Mann der einer Frau die Tür aufhält, sie vor den Traualtar führen möchte. Und nicht jede Frau, die einem Mann ein gewinnendes Lächeln schenkt, ihn auch beim Bettsport bewundern möchte. Beispiele gefällig?

Sie steht einfach nicht auf dich

Die nackte Wahrheit vorweg: Ja, es gibt Frauen, die möchten ab und an einfach nur guten Sex haben. Nicht mehr, nicht weniger. NUR Sex. Dafür „benutzen“ sie Männer. Da kennen sie nichts. Eine gute Freundin berichtete mir einst, dass ihr überaus geschätzer und liebevoll gepflegter Sexpartner, mit dem sie NUR Sex hatte und auch weiterhin NUR Sex haben wollte jüngst einen Rückzieher gemacht habe. Er war davon überzeugt, dass sie nun nach mehrmaligem Bettsport in Folge eine Stufe erreicht hätten, in der sie in ihn nun verliebt sei. Sie verneinte. Er bezweifelte. Im Zweifel für den Ankläger – er beendete die Sexgeschichte. Sie nahm sich einen Neuen, er hat sie bis heute nicht vergessen.

Wir sind nur Freunde

Am Ende meiner Schulzeit da fand ich ihn: Meinen besten Freund. Unsere Freundschaft bahnte sich vorsichtig an, wir hielten den Kontakt, trafen uns immer mal wieder in den Semesterferien in der Heimat um unserem gemeinsamen Schöngeisttum zu fröhnen und waren uns einig, dass wir uns in vielen Dingen einig sind. In den meisten. Auch darin, dass wir immer nur Freunde sein werden. Verwandte im Geiste. Wir konnten uns sagen, dass wir uns schön finden und es genauso meinen: Objektiv schön. Wir hatten jeweils Partner, wir wussten von den Bettgeschichten des anderen und freuten uns daran. Und wir zogen zusammen. Und erklären uns spätestens seitdem in schöner Regelmäßigkeit unseren Freunden und Bekannten. Ja, wir sind nur Freunde. Echt jetzt. Immer gewesen. Nein, er ist nicht schwul und ich nicht lesbisch. Aber was soll eigentlich das „nur“? Wir sind Freunde. Punkt.

Ich will dich treffen, aber nicht so wie du denkst

Ein glücklicher Zufall spülte am Wochenende eine Nachricht in mein Postfach in einem sozialen Netzwerk meines ehemaligen Stipendiengebers. Ein junger Mann hatte sich vertan und mich einer Veranstaltung zugeordnet, von der er mich zu kennen glaubte. Wir kannten uns nicht. Kamen schriftlich ins Gespräch, er las meinen Blog, erzählte was von sich und den Beziehungen die ihn geprägt haben und auch darüber, dass er meine Offenheit bewundert, diese selbst aber nicht teilt. Umso stolzer war ich, dass er sich dennoch mir, einer völlig Unbekannten, ein Stück geöffnet hat. Mir seine Gedanken mitgeteilt hat und ich mit ihm die ganz großen Themen wie Liebe, Beziehung, Zukunft, Leben anschneiden und diskutieren konnte. Mit einem Fremden! Völlig unvorbelastet. Herrlich. Es ist immer spannend darüber auch mit einem Mann zu sprechen. Ich äußerte meine Begeisterung darüber rückhaltlos. Und eskalierte damit die Situation. Denn natürlich waren wir durch unseren Austausch mittlerweile soweit, dass wir dachten: Mensch, da ist ein Mensch mit dem/der kann man gut reden! Lass uns einen Kaffee trinken gehen. Aber halt: auf jeden Fall nur rein freundschaftlich. Mehr nicht. Da ist es wieder…dieses „nur“.

Dieses kleine Wörtchen „nur“, macht den feinen Unterschied. Mit diesem Wörtchen sprechen wir unserem Gegenüber die eigene Urteilsfähigkeit gewissenmaßen ab. Mit einem Mann kann eine Frau nicht „nur“ befreundet sein und schon gar nicht, nicht „nur“ Sex haben. Eine Frau kann einem Mann auch nicht einfach „nur“ ein Kompliment machen ohne mehr dabei zu denken. Und die will schon gar nicht, nicht „nur“ einen Kaffee trinken. Ist das so?

„Ich finde dich schön“ und ja, ich bin für mehr Offenheit in der Gesellschaft. Ich bin dafür, dass wir uns offen, freundlich, aufmerksam begegnen können. Dass wir einander sagen können, dass wir uns wertschätzen, dass wir fasziniert sind, dass wir begeistert sind. Ich bin für die Offenheit, dass das Gesagte so stehen bleiben darf. Ohne sofort eine Absichtserklärung zu sein. Denn sowohl eine Freundschaft, als auch alles andere, das muss wachsen und sich finden. Dass man einander gut findet, ist „nur“ die Voraussetzung dafür.