Category Archives: Aus dem Leben

Begegnungen: Der Pendler

Vier Jahre lang habe ich Dich jeden Morgen gesehen. Du standst ein paar Meter von mir entfernt auf dem Bahnsteig, wie ich immer ein paar Minuten zu früh oder wartend, weil der Zug ein paar Minuten zu spät war. Irgendwie bist Du mir ins Auge gefallen. Obwohl Du unscheinbar gekleidet warst, Deine Jacke meist im ähnlichen Farbton zur Hose. Aber ich mochte Deine Schuhe, die haben noch ein bisschen Rebell erkennen lassen. Warum Du mir aber wirklich aufgefallen bist: Du hast immer gelesen. Immer den SPIEGEL. Hast Du ihn abonniert oder kaufst Du ihn Dir regelmäßig? Das würde ich Dich gerne fragen. Mich hat Dein Lesen neugierig auf Dich gemacht.

Wer Du bist, was Du für Gedanken gerne spinnst, warum Du regelmäßig liest?

Ich bin dann umgezogen in der Stadt und fahre nun mit dem Zug in die entgegengesetzte Richtung. Heute war ich auf der Rückfahrt in unser beider Heimatstadt. Zunächst in meine Lektüre vertieft, der Zug war voll. Irgendwann schaute ich auf und mein Blick fiel auf den Sitz im Gang mir gegenüber. Da hast Du gesessen und den SPIEGEL gelesen. Ich habe Dich erst gar nicht erkannt, so vertraut war mir dieser Anblick. Dann schaute ich auf Deine Schuhe – das bisschen Rock’n'Roll war immer noch da. Deine Haare sind nun länger. Ich finde das steht Dir gut.

In diesem Moment hast Du aufgeschaut und mich zum ersten Mal gesehen. Mir schien doch, dass auch ich Dir vertraut war. Ich kenne das Gefühl, dass man meint alte Bekannte wieder zu treffen, sie nicht einsortieren kann, bis man merkt: Man begegnet ihnen nur jeden Morgen auf der Fahrt zur Arbeit, aber ist sich doch fremd. Im Anblick nur vertraut.

Ich habe Dich angelächelt und Du hast zurück gelächelt.

Dann hast Du Deine Augen geschlossen, Du hast vorher schon kurz geschlafen, als ich Dich betrachtet und erkannt habe. Ich hatte Herzklopfen und die verrückte Idee, mich zu erkennen zu geben. Dir einen kleinen Zettel zu schreiben, ihn Dir beim Ausstieg zu geben und Dich nach einem Kaffee fragen, bei dem wir uns über das Pendeln und den SPIEGEL unterhalten könnten. Ich fand mich albern und hab schüchtern meine Idee beäugt. Ja, ich hatte Schiss, dass Du die Idee doof findest. Und dann habe ich gedacht: Egal – das Leben will gelebt und nicht gedacht und dann verweigert werden. Ich habe Dir schnell einen Zettel geschrieben. Kurz vor dem Aussteigen habe ich mich umgedreht. Du warst wieder wach. Ich habe mich zu Dir gebeugt, Du hast mich freundlich angesehen und ich habe Dir den Zettel überreicht, mit meiner Telefonnummer und dann habe ich ganz schnell gesagt, so dass Du es sicher nicht verstanden hast: “Bevor ich mich nicht traue” und bin schnell ausgestiegen.

Hui – das Herzklopfen war riesig. Und das Glück unendlich. Und ich bin freudestrahlend nach Hause gefahren. Und begeistert. Und mutig. Und belebt, erfrischt und erfüllt. Und das alles, obwohl Du nicht geantwortet hast. Allein, weil die Gelegenheit so wunderbar war und ich da war.

Begegnungen: Die Liebe

Es war Zufall, so wie immer. Du sagst, Du hast mich gleich erkannt. Daran, dass plötzlich die Welt still gestanden ist. Du hast Dich verliebt, in meinen Gang, in meine Kurven, in mein Lächeln. Wir stehen vor dem Kaffeewagen in der Schlange und sind schüchtern. Erzählen schnell und verhaspeln uns mit Worten. Wir entdecken – wir sind uns näher als wir ahnten. Es ist Frühling und ich teile mit Dir die Bank unter Linden. Die Geräusche um mich sind gedämpft und ich ahne noch nicht, dass auch ich Dich lieben werde. Mein Blick hängt an Deinen Lippen, sie sind spröde, trocken, aufgeplatzt. Ich frage mich, wie sie schmecken. Es wird das erste Mal sein, dass ich spüre wie es ist gesehen zu werden. Geliebt. Wenn ich in Deinen Augen fantastischer bin, als ich es je zu träumen wagte. Perfektion – in all meinen Fehlern. Wenn ich die Macht spüre, Dich schweben zu lassen. Wie berauschend das Gefühl ist, wie heimlich unsere Begegnungen, wie ausgehungert die Berührungen. Wie fahrlässig das Zusammensein. Deine Liebe hat Spuren hinterlassen, die ich heute noch sehe. Die schwach in der Dämmerung auf meiner Haut glitzern, auch wenn Du schon lange fort bist. Es ist eine Liebe, die sich in ihrer Blüte auflöste. Wie ein Schmetterling hinter Glas, nicht mehr lebendig. Konserviert in ihrer Schönheit, für immer.

Brief an einen Freund

Du,

ich habe heute etwas Schlaues gelesen und da musste ich an Dich denken. Weil auch Du schlau bist und wir immer Freude daran hatten schlaue Gedanken miteinander zu teilen. Da stand etwas davon, dass wir uns alle nach zwischenmenschlichen Beziehungen sehnen, keiner weiß das wohl so gut wie Du. Obwohl ich mich insgeheim frage, ob Beziehungen nicht immer zwischenmenschlich sind – aber ich lenke ab.

Da stand auch, dass uns oft die Angst vor Zurückweisung im Weg steht. Keine weiß das wohl so gut wie ich.

Und dass diese Angst uns dazu veranlasst, unsere Verletzlichkeit verbergen und dass wir deshalb versuchen zu kontrollieren. Und dann hat eine schlaue Psychologin herausgefunden, was Du auch entdeckst, so schien es mir zumindest. Nämlich, dass diejenigen, die sich trauen können, ihre Verletzlichkeit und Unvollkommenheit zu akzeptieren, dass die sich sehr mit anderen verbunden fühlen. Und letztendlich tiefes Glück empfinden.

Ich glaube Du bist diesem Gefühl gerade auf der Spur. Und ich, ich kann noch nicht gut meine eigene Verletzlichkeit zulassen, schon gar nicht zeigen. Das könnte in unserer zwischenmenschlichen Beziehung durchaus der Sand im Getriebe gewesen sein. Denn bei Dir, da habe ich mich doch ab und an mal getraut eine Maske fallen zu lassen. Das hast Du wahrscheinlich gar nicht gemerkt, so klammheimlich, wie ich das gemacht habe. Aber ich habe es getan. Dann war da ganz viel rohe Verletzlichkeit da, aber auch meine eigene Sprachlosigkeit, Dich darauf aufmerksam zu machen und Dich daran teilhaben zu lassen. Und in diesen Momenten ist etwas mit uns passiert. Ich bin näher zu Dir gerückt, Du hast dann mich gespürt und Dich gefragt ob Du auch was spürst. Und dann, dann war da wohl ein Nebel in Dir. Zumindest warst Du in diesen Momenten dann mit Dir und Deinen Ängsten sehr beschäftigt und hast nichts gespürt. So hast Du das gesagt. So habe ich das gehört. Und Du hast wahrscheinlich gar nicht gemerkt, wie mich das verletzt hat. Und ich habe meine Verletzlichkeit so astrein kaschiert, dass Du mich als kalt empfunden hast. Ich habe Dich dann auf Abstand gehalten und Du meintest, dass ich Menschen schnell abserviere.

Ja und dann, dann wollte ich keinen Kontakt mehr. Und will ihn immer noch nicht. Weil ich’s nicht aushalte, wenn Du mich verletzt. Weil mir das zeigt, dass ich verletzlich bin und ich mich nicht fallen lassen kann. Weil ich nicht darauf vertraue, dass ich gehalten werde. Weil ich weiß, dass Du mich nicht hälst und nicht halten kannst. Und ich mir nicht vertraue, mich selbst zu halten. Immer und immer wieder.

Aber eins will ich Dir sagen, lieber Freund. Ich spüre das, dass ich da vielleicht irgendwann anders mit meiner Verletzlichkeit umgehen kann. Dass ich vielleicht irgendwann nicht mehr gehalten werden muss. Weil ich keine Angst mehr habe zu fallen und deshalb nicht falle. Und dafür finde ich es schön Dich gekannt zu haben. Ich habe Dich lieb, lieber Freund. Aber nur aus der Ferne, aus der Nähe ertrage ich Dich nicht.

Dein Ich

Begegnungen: Der Körper

Ich trinke Wein, du bestellst Ingwertee. Ich lege verstohlen die Speisekarte beiseite. Du bist schön, muskulös. Du verdienst damit dein Geld. Unterschiedlicher könnten unsere Leben nicht sein. Ich habe dich mit Google gefunden. Mud challenge, viking man. Du bist frei, sagst Du. Facebook sagt du bist in einer Beziehung. Es sei kompliziert, betonst du daraufhin. Deine Worte. Sie in Hamburg, du hier.

Ich will deinen Körper, was willst du? Du willst Flucht und mich nach Hause bringen. Ich bin atemlos, du rastlos. 4. Stock, ich habe noch Ingwer da. Ich trinke Sekt. Du füllst den Raum, ich denke daran, was ich meinen Enkeln nun erzählen kann. Der Anblick deines nackten Fleisches brennt sich ein. Top Performance, du bist auf Leistung getrimmt. Du rastest nicht und bist fort. Ein Sprint und du bist nicht einmal außer Atem. Macht das Spaß?

Begegnungen: Der Edelmann

Du beeindruckst. Durch Alter, Stil, Aura.

Während ich den Käse arrangiere, entkorkst du den Wein. Du hast eine gute Haltung. Du bist Balletttänzer gewesen. Jetzt bist du Anwalt. In deinem Namen steckt ein “von”. Du trägst gerne Korsett. Ich könnte deine Tochter sein. In deiner Freizeit fotografierst Du andere Töchter in Ruinen. In deinem Ehebett spielte die Thalbach die Kanzlerin. Deine Ehe ist offen, du bist Berlin. Deine Frau ist beim Film, du hast Ausgang, mit ihr ist alles abgesprochen. Wir trinken Wein aus unseren Mündern und du zeigst mir deine Extravanganz. Du schläfst und siehst gewöhnlich aus. Alt.

Die Aura verschwindet mit deinen Geschichten. Der Morgen ist grau, was bleibt ist eine Nacht im Schatten, der dich glänzen ließ.

Begegnungen: Der Student

Ich habe mich zwei Stunden vorbereitet. Mich gebadet, sorgfältig ein Kleid ausgewählt, nach schönen Strümpfen gesucht. Ich habe mir Mühe gegeben meine Haare zu föhnen, normalerweise halte ich mich mit so etwas nicht auf. Ich habe etwas MakeUp aufgelegt, meine Nägel lackiert. Ich bin bereit und meine Illusion ist intakt.
Du öffnest mir die Tür. Ich trete über die Schwelle und bin fünf Jahre zurück versetzt. Als noch alles in der Schwebe war, die Träume noch nicht aufgeweckt, das Leben dennoch in einer Zwischenwelt. Noch nicht ganz entpuppt.
Du wohnst in einer WG, im Vorbeigehen schaue ich in die Küche. Leere Getränkeflaschen, dreckige Töpfe, alte Pizzaschachteln. Wir stehen vor deinem Zimmer. Der Flachbildschirm des Fernsehers dekoriert die kahle Wand. ProSieben, Du schaltest auf stumm. Darunter die Kommode, offene Schubladen, ich weiß jetzt was du drunter trägst.
Das Bett ist zerwühlt, bist Du gerade erst aufgestanden?  Dein Atem riecht danach. Du bietest mir an mich zu setzen. Es gibt nur das Bett, im Hintergrund flackert das Fernsehbild. In der Wohnung ist es still. Die Krümel auf deinem Laken bohren sich durch den Stoff meines Kleides und die zarten Strümpfe. Die Luft ist abgestanden, dein Blick wandert immer wieder von mir weg zum Fernsehbild. Du hast nichts zu erzählen, ich habe dir nichts zu sagen. Du bietest mir Wasser an, aus der Flasche neben deinem Bett.
Meine Starre taut, ich muss gehen. Drei Stunden für dich. Schal, wie das Wasser, was du mir angeboten hast.

Schutzbefohlen

Ich habe mich der Welt
mit Schmerzenslust gestellt.

War einsam in meiner Suche
nach Nähe in fremden Armen.

Habe nach einer anderen Hälfte gesucht,
und mich unvollständig gefühlt.

Sah den Mangel an Fürsorge,
und die enttäuschten Erwartungen
in vielen Wegbegleitern.

Bis ich entdeckte, dass ich nicht eins bin,
dass in mir Facetten schillern und mein Leben
Freiheit ist, diese in ihrer Fülle zu leben.

Und ich meine Arme wurde, in denen ich
Trost finde und Glück spende.
Mir selbst schutzbefohlen bin,
und Kraft schöpfe.

Jeden Tag aufs Neue.
Das wunderbare Leben.

In dem ich stehe,
fest,
frei.

Was es ist

Es sind die Jahre, die mir zeigen,
wer ich bin, wenn ich ganz bei mir bin.

Es sind die Erfahrungen, die mich lehren,
worauf es mir ankommt, wenn ich Ich bin.

Es sind die Menschen, die mich begleiten und die mich verlassen,
durch die ich weiß, welche Begegnungen mich stärken.

Es sind die Momente, in denen sich Klarheit so glasklar Bahn bricht
und ich erkenne, was mir wirklich wichtig ist.

Es ist die Norm, der ich manchmal entspreche und manchmal nicht,
an der ich sehe, wann ich außergewöhnlich bin.

Es ist das Leben,
was sich langsam aber stetig vor mir entfaltet.
Und in dem ich jeden Tag ein Stück mehr von mir sehe,
und ein bisschen näher bei mir bin.

Es ist die Dankbarkeit,
für all die Chancen, die mir mein Leben bietet,
für all den Schmerz, der Platz für die Freude schafft,
nicht zu wissen, was morgen sein wird.

Textnachrichten

Ich starte entschleunigt in das Wochenende. Mein Zug hat schon jetzt 15 Minuten Verspätung.

Eben stieg die Schützenfest-Männertour auf Ausgang zu. Hat Bier und Mettbrötchen mit Zwiebeln im Gepäck. Die Gespräche schrauben sich in ungeahnte Höhen, man schwelgt im Zwiebeldunst in Erinnerungen an den Bierkönig auf Malle. Da wurden jede Menge blonde Miezen weggeflext. 

Man tauscht sich nun in der Tat über gemeinsame Erinnerungen an das letzte Schützenfest aus. Mittlerweile wird aus dem Flexen ein Verarzten. Scheinbar hat es letztes Mal die Meike erwischt. Mein Beileid.

Christian ist bei den Damen schwer gefragt. Auch auf Malle. Führte beim erneuten Besuch mit Freundin zu unangenehmen Situationen.

Die Gespräche drohen zu versickern, das Thema ist ausgelutscht. Man hört stattdessen die WhatsApp Nachricht eines abwesenden Kumpans ab. Der scheint sie vom Klo aus geschickt zu haben und beschreibt den aktuellen Prozess präzise. Die Stimmung erreicht einen erneuten Höhepunkt.

Ich darf jetzt aussteigen.

Teilen

Ich steh am Fenster und lausche dem Regen,
rieche den Herbst und sehe noch satt grüne Bäume.

Meine Teetasse wärmt meine Hände und es
ist so friedlich im Zwielicht des Abends.

Ich würde mich jetzt gerne zurück lehnen,
die Ruhe teilen und vertiefen.

Ich würde gern das satt zufriedene, banale,
Glück des Wochenendes
zeigen und empfangen was rastlos macht,
um Hafen zu sein und Geborgenheit borgen.

Mein Herz ist voll und quillt über in diesem Moment,
aber da ist niemand der empfängt
in diesem Moment.

Und so bleiben Tasse, Baum und Regen,
die Begleiter an diesem Herbstabend.

Und die offene Frage,
die schon so lange im Raum steht,
folgt mir leise auf die Couch.