Category Archives: Aus dem Alltag

Kindermund

Auf einem Hoffest, im Hintergrund hört man Countrymusik von einer Bühne. Im Vordergrund steht ein Mann in der Schlange vor dem Wurststand. Ein Kind (sein Sohn) stürmt auf ihn zu.

“Papa, der Mann da singt lustig!”

“Der singt auf Englisch.”

Eine Frage der Ehre

Neun Uhr morgens in einer Kölner Straßenbahn an einem Wochentag.

Zwei Mädchen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren steigen zu. Beide sind klein, maximal 1,60 m groß und zierlich. Sie unterhalten sich.

Ey, ich habe zwei Anzeigen gegen mich laufen!

Wegen was?

Eine halt wegen Körperverletzung, ja man, da war so ein Mädchen. Die hat meinen Bruder angespuckt und meine Mutter beleidigt. Mich hat die auch angespuckt. Weißt du, wenn sie nur mich angespuckt hätte, das wäre mir egal. Aber das ging gegen meine Familie. Da bin ich ausgerastet. Hab’ ihr die Nase und ein paar Rippen gebrochen! (kichert)

Krass! Wie hast Du das geschafft?

Ja weißt du, ich hatte sechs Jahre Kickboxen, da habe ich voll die Techniken gelernt. Hab’ der immer wieder so voll mein Knie reingerammt (winkelt ihr Knie an und imitiert Kicks). Die lag dann im Krankenhaus, da hat die Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Wegen Rippenbruch und so. Ich hab die dann angerufen und so “Ey, du kleine Missgeburt, warum machst du sowas?”. Und sie so voll weinerlich: “Wegen dir liege ich im Krankenhaus!”. Und ich nur so: “Ja, hast du wohl verdient, oder?”

Und wegen was hast Du die zweite Anzeige?

Ja wegen Diebstahl. Voll dumm ey. Im Ein-Euro-Shop.

Was hast Du denn genommen?

Was zu trinken! (lacht) Ey so dumm, das hat 1,25 € gekostet. Jetzt habe ich ne Anzeige deswegen. Nächstes Mal bezahle ich. Ey, wegen 1,25 €!

Let’s talk about…

Halten wir mal fest: Sobald man über etwas spricht, was ein bisschen wie “Sex” riecht, trifft man wahlweise auf infantiles, triebhaftes oder obszönes Interesse. Und ab da gehen dann die Definitionen der eigenen Intention soweit vom Gesprächspartner auseinander, dass viel Zeit für das Aufdröseln dieser Definitionen und Intentionen drauf geht. Die dann einem gesellschaftlichen Diskurs erstmal abgeht.

Liegt das daran, dass wir uns alle nicht so wirklich trauen offen und ehrlich “darüber” zu sprechen? Oder können wir das nicht, weil uns der “Trieb”dazwischen funkt und unser Interesse ein Eigenleben entwickelt, welches vom Verstand losgelöst ist?

Ich bastle schon lange an einer Idee, Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität in all ihrer Vielfalt, Tiefe, Zartheit, Unberechenbarkeit, Undefinierbarkeit darstellen zu können. Und ich glaube fest daran, dass gerade Frauen in dieser Thematik viel zu kurz gekommen sind und viel zu wenig zu Wort. Dass Frauen aber sehr viel zu sagen und beizutragen hätten. Dass sich nur wenige bisher trauen. Und noch weniger im gleißenden Licht der Öffentlichkeit.

Je mehr meine Idee Gestalt annimmt, umso komplexer wird alles. Umso mehr werden mir Definitionen von Gesprächspartnern übergestülpt, die mich bisweilen sprach- und ratlos machen. Mir begegnet Interesse, dass ich freudig in die Arme schließen will und dann merke, dass es sich dabei gar nicht um Interesse an meiner Idee sondern um Voyeurismus handelt. Daraus entwickle ich eine Scheu, die mir bisher fremd war.

Es wird höchste Zeit, dass Sexualität als Triebbefriedigung, Voyeurismus, Egoismus an Bedeutung verliert. Dass Sinnlichkeit und Langsamkeit und Zartheit sich auch öffentlich entfalten dürfen. Es wird wirklich Zeit für meine Idee.

 

Und bis dahin hier ein bisschen Lesestoff über die Gedanken von Menschen, die schon darüber sprechen: Paartherapeuten und ihre Einstellung zum Thema Sex in der Paartherapie.

Realität im Virtuellen

Typ: “Hey, du wirkst sehr sympathisch und nett. Beschreib Dich doch mal in drei Eigenschaften.”

Ich: “Vielen Dank für die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Bevor ich sie annehme und Dir auch davon erzähle, wo ich mich in fünf Jahren sehe, mag ich Dir vorher doch erst in die Augen schauen. So wie Du mir.”

Typ: “Du, ich steh echt nicht auf oberflächliche Frauen. Viel Spaß noch.”

Ich: “Du, ich wünsche Dir viel Freude bei der existentiellen Sinnsuche.”

Typ: “Maul ;)

Typ: “Versuchs zur Abwechslung mal mit Sport. Würde Dir gut tun.”

 

Und das, wo ich diesen Artikel gerade für etwas überzogen hielt. Darauf ein Treffen mit guten Freunden im Reallife.

Weitergedacht

Im Frühjahr 2007 hatte ich das Vergnügen in meinem ersten Praxissemester allerlei Telefondienste in einer auf Kommunikation spezialisierten Agentur zu absolvieren. So durfte ich auch im Auftrag eines namhaften Softwareunternehmens noch namhaftere Genrejournalisten der IT anrufen und diese nach ihrer Meinung befragen. Im Fokus stand ein Gerät, was damals noch kritisch beäugt wurde und man sich nicht sicher war, ob es seine Geburtsstunde überleben wird: Das Smartphone, damals noch eher als Blackberry bekannt, bevor andere Hersteller auf den Zug aufsprangen und im Juni 2007 der Messias unter den Smartphones in die Läden kam.

Die befragten Journalisten waren sich weitestgehend einig, dass sich dieses Gerät im Businesskontext durchsetzen könnte – darüber hinaus wäre aber eine Verbreitung fragwürdig. Die Bedienfreundlichkeit ließe schließlich für den PC verwöhnten Privatnutzer zu wünschen übrig und die Kosten wären ebenfalls wenig nutzerfreundlich.

Wie sich diese Geschichte fortschrieb, muss ich hier nicht weiter erwähnen. Was aber wäre, wenn wir heute weitverbreitete Apps einmal weiter- oder gar zurückdenken? Mit ihnen Inhalte messen und darstellen würden, die im digitalen Zeitalter nicht mehr groß erwähnt werden, aber in ihrem Grundsatz durchaus ein Meilenstein für die Menschheitsgeschichte waren? Nehmen wir einmal das Beispiel des Lesens und mixen es mit der allseits beliebten Sport- und Selbstoptimierungsapp runtastic.

Heraus käme eine App names readtastic. Die würde dann in den virtuellen Chroniken fröhlich verkünden: Anna hat gerade 35 Seiten gelesen und damit den Signalaustausch zwischen ihren Hirnregionen um 1 Prozent verbessert, sowie die Wahrscheinlichkeit dement zu werden um 1 Prozent gesenkt. *

In diesem Sinne: YOLO.

* hier handelt es sich natürlich um eine nicht wissenschaftlich nachgewiesene These. Wer valide Zahlen wissenschaftlich ermitteln möchte: Ich bin ganz Auge und Ohr! Aber ganz aus der Luft gegriffen ist die Grundlage nicht.

Fuck you very much

Es gibt Tage, da ist Alleinereisen anstrengend. Und damit meine ich wirklich alleine beim Reisen zu sein. Durch das nicht ins Gespräch kommen, durch das “durchs Raster” fallen, durch das nicht angesprochen sein, durch das sich nicht in Gesellschaft befinden. Natürlich muss man auf niemanden Rücksicht nehmen, bei der Tagesgestaltung keine Kompromisse eingehen und die eigenen Erwartungen mit deren der Begleitung abgleichen. Doch Glück, das bleibt ungeteilt, Erlebnisse unerzählt und der Tag nicht im Gespräch reflektiert. Allein.

In solchen Momenten ist Gastfreundschaft ein wohltuender Balsam. Ein Hort, ein Rückzugsort und ein Kraftquell. Ein freundliches Wort, ein erwidertes Lächeln, ein ernst gemeinter Wunsch für einen schönen Tag. Kleine Gesten, die größer wirken können. Könnten. Es sei denn man befindet sich im falschen Hotel. Am falschen Ort. Dieselben eingeübten Phrasen umgarnen den Geldbeutel – wird er nicht gezückt, ist man beleidigt. Verwehrt von nun an das Lächeln. Vergisst eine Bestellung. Vergisst den Gast.

We are a restaurant

Schon mehrere Male war ich in Griechenland – aber jedes Mal ist die Verkostung eines Retsina irgendwie an mir vorüber gegangen. Mein Hotel hat dieses Getränk nicht auf der Karte. Auf meine Rückfrage, schaut mich die Kellnerin mit gerümpfter Nase an und meint dass sie das nicht haben und das außerdem scheußlich schmeckt. Ich suche den nächsten Supermarkt auf. Kaufe mir eine Retsinaflasche. Stelle fest, dass diese einen Korken und ich keinen Korkenzieher habe. Gehe an meine Hotelbar, denke dass ich mit dem Barmann inzwischen ein wohlwollendes Verhältnis habe. Frage nach einem Korkenzieher. Erkläre, dass ich den dafür brauche mal Retsina zu kosten, den sie leider nicht auf der Karte haben. RETZZZZZINA – er spuckt mir das Wort vor die Füße. Und betont: “We are a restaurant – not a taverna.” Seitdem ignoriert mich der gute Mann. Nun – Getränke gibt es auch woanders.

Yes, please – Lady!

Ich logiere direkt an der Strandpromenade. Abends im Mondenschein gelüstet es mich bisweilen nach einem kleinen Spaziergang entlang dieser Promenade, die gesäumt ist von kleinen Tavernen und Restaurants. Die alle ihren eigenen Gästereinholer haben. Alle zwei Meter versucht jemand mich von dinner, very good food, delicious meal zu überzeugen. Alle zwei Meter lehne ich höflich ab. Der Eifrigste motiviert sich beim Anblick eines jeden Touristen mit einem “Yes please!”, bevor er – auf den gerade schlendernden Menschen angepasst – hinterher schiebt…in meinem Fall “Lady, come have dinner”. Ich versuche andere Wege für meinen Abendspaziergang – mit wenig Erfolg. Die Wege, die nicht von Restaurants gesäumt sind, sind dunkel und so verlassen, dass ich fürchten muss einem der vielen streunenden Hunde zu begegnen…nachdem mir dann für kurze Zeit auch ein Bus voll mit grölenden Herren gefolgt ist, die den Fahrer bei geöffneter Tür mit “Get her” animierten, lasse ich diese Off-Road Abenteuer besser. Nach sechs Tagen stelle ich leider aber auch fest, dass die am Anfang noch witzig erscheinenden Sprüche der Gästereinholer sehr einstudiert sind…und immer die gleichen. Das äußert sich darin, dass ich dem “Yes please” Mann zufällig im Supermarkt in einem Gang begegne. Er erblickt mich und sagt: “Yes please…”, dann fällt ihm auf, dass er off duty ist.

Smile when you are cheating

Lächeln ist etwas Schönes. Kaum ein Mensch kann einem Lächeln widerstehen. Lächelt man jemanden an, so ist der unwillkürliche Reflex zurück zu lächeln. Aber es gibt auch ein falsches Lächeln. Eines, welches es nicht bis in die Augen schafft. Ein solches Lächeln umgibt mich, sobald ich auf den Touristenpfaden wandle. Von den Shopbesitzern, von den Hotelangestellten, von den Barkeepern, von den Restaurantbesitzern. Es widert mich an. Und treibt mich in die Berge. Weit weg von den Menschenmassen, die die Insel heimsuchen. Hinein in die Stille. Und dort findet mich die Gastfreundschaft.

Blog

Come, have a look

Es ist eine Kapelle, die Santorinis Heiligem Profitis Ilias geweiht ist – nachdem auch schon ihr höchster Berg benannt ist. Ich komme etwas atemlos auf dem Bergplateau an, auf dem mich die Kappelle schneeweiß erwartet. Ein älterer Mann löst sich aus dem Schatten der Kapelle und kommt auf mich zu. Ob ich einen Blick hinein werfen möchte?, fragt er mich. Ich bin überrascht – bisher waren mir alle orthodoxen Kirchen verschlossen. Ich folge ihm in die Kühle. Er zeigt mir voller Stolz die Gemälde, erklärt mir die Heiligen, ein paar erkenne ich, das scheint ihn zu freuen. Wie ein kleines Kind weist er mich immer wieder aufgeregt auf noch eine Attraktion hin. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen. Ich frage ihn, ob er hier Priester ist. Wie ich später herausfinde, ist er der “Manager” der Kapelle. Und kümmert sich um die Elektrik. Er führt mich wieder nach draußen, deutet auf eine kleine Baustelle an der Seite der Kapelle hin. Hier arbeitet er daran…aber immer schön langsam, nur nicht hetzen, vermittelt er mir. Und ob ich einen Kaffee möchte? Den muss ich ablehnen, ich will weiter. Ich danke ihm – vor allem dafür, dass er für das Lächeln und für die Gastfreundschaft auf dieser Insel steht. Beschwingt gehe ich weiter.

Mensch gegen Maschine

Regenschwangere Wolken jagen über den Himmel. Die Luft ist schwer vom Duft der nassen Erde. Der Wind zerrt wütend an den Passanten, die gehetzt über das betongraue Gebäudeplateau eilen. Mitten unter ihnen steht ein Mann, sein Mantel flattert ungeduldig um seine Silhouette. Er reckt seinen Arm weit in den Himmel, am Ende zittert sein Smartphone den Wolken entgegen. Ich haste an ihm vorbei, mit meiner Tasche kämpfend, die der Wind an meine Beine schlägt.

Der Mann spricht mich an: “Entschuldigen Sie bitte, wo ist hier der Friedensplatz?”

Im Gehen erkläre ich dem Mann den Weg, lotse ihn weg vom Gebäudeplateau und in die richtige Richtung. Nach zwei Sätzen deutet er auf sein Telefon und insistiert: “Das mag sein, dass es geradeaus geht, aber mein Telefon sagt mir, dass der Friedensplatz in die entgegengesetzte Richtung liegt”.

“Das interessiert uns jetzt alles nicht”, antworte ich. “Technik zählt hier nicht, sondern Wissen.” Wir stehen auf dem Friedensplatz. Das Smartphone schweigt.

 

In Fahrt

Wer wie ich jeden Tag mit dem Zug fährt, der wird dieses Pendlerdasein irgendwann als Quell für allerlei Alltagsgeschichten sehen. Und ein paar der Geschichten, die ich hier zusammengetragen habe, werden häufigen Zugfahrern auch bekannt vorkommen. Meine Damen und Herren, bitte machen Sie die Türen frei und steigen Sie ein:

In voller Hormonblüte

Donnerstag, es ist später Nachmittag, ich sitze im Zug nach Köln neben zwei Teeniemädels und höre zu:

Teenie 1: Ey…(gelangweiltes Kaugummikauen und Blick auf die Freundin).

Teenie 2:  tippt auf dem Smartphone herum

Teenie 1: Ey…wem schreibste?

Teenie 2: Niklas

Teenie 1: Stresst der wegen Kira?

Teenie 2: Nö, aber lass mal was machen.

Teenie 1: Ja, cool…schreib dem mal wie down du bist und so.

Teenie 2: Ja ich schreib einfach: “Niklas, ich kann nicht mehr”…dann tickt er aus und kriegt Panik, dass ich Kira von uns erzähle.

Teenie 1: Und wie is es mit Niklas denn eigentlich so? tippt nun ebenfalls auf ihrem Smartphone herum

Teenie 2: Unbequem…

Teenie 1: Wieso unbequem?

Teenie 2: Na wir haben es halt im Badezimmer gemacht. Da is es unbequem. Mit wem hattest du eigentlich dein erstes Mal?

Teenie 1: Mit Heinrich.

Teenie 2: Iiiihhh…also ich mit Tim.

Teenie 1: Ja Tim ist voll cool, mit dem kann ich super offen über Sex reden, echt über alles.

*Das Smartphone von Teenie 2 piept*

Teenie 2: Oh Gott Niklas hat geschrieben *aufgeregtes Gegiggel*

Teenie 1: Und, was sagt er? Hat er Panik?

Teenie 2: Er schreibt nur, dass er mir den Hals umdreht, wenn ich irgendwas rauslasse.

 

Das Leben ist zu kurz für einen Bahnsteig

Mit den Pendlerzügen ist an den Bahnsteigen ein ausgeklügeltes Ballett der erfahrenen Pendler zu beobachten. Irgendwann hat man durch die tagtägliche Fahrerfahrung den Dreh raus: Wo hält die Zugtür, wie muss ich mich positionieren, um möglichst schnell in den Zug und damit möglichst früh an einen Sitzplatz zu kommen? Nach und nach hat jede und jeder seinen Stammplatz am Bahnsteig gefunden, die zufriedene Routine des erfolgreich erschlossenen Reviers kehrt ein. Ab und an nur empfindlich gestört durch einen zufälligen Passagier, der die Stammplätze der Pendler noch nicht kennt, sich dreist an jahrelang erprobte Plätze stellt oder gar beim Einsteigen mit einem Koffer die ausgeklügelte Choreografie der lang Erprobten in Gefahr bringt. Und ab und an geschieht etwas schier Unvorstellbares: Beim Autofahren, da gibt es die vorsichtigen, die tollkühnen, die unsicheren und die routinierten Fahrer. Doch gibt es die auch im Zugverkehr? Hier sind wir meist auf die äußeren Umstände wie Pünktlichkeit und technische Störfreiheit konzentriert. Nicht aber auf den Fahrstil des Lokführers. Bis eben das Unvorstellbare passiert. Der Zug wird angekündigt. Die routinierten Pendler gehen auf ihren Startplätzen in Position auf den zu ergatternden Sitzplatz. Der Zug fährt ein. Nein, er rauscht in den Bahnhof. Gefühlt zu schnell. Definitiv zu schnell. Die eigentlich vertraute Tür hält nicht am angestammten Platz. Rauscht vorbei, außer Sichtweite. Der ganze Zug kommt ächzend und quietschend zum Stehen. Außerhalb des Bahnsteigs. Der Zugfahrer hat sich mitreißen lassen und war zu schnell. Verwirrung am Bahnsteig, die Routine ist gestört.

 

Im Gespräch bleiben

Jeder Pendler entwickelt im Laufe seiner Pendelkarriere gewisse Anpassungsstrategien, um sich im Gequetsche der Mitreisenden ein kleines bisschen Privatheit zu bewahren. Übergroße Kopfhörer, die zuverlässig alle störenden Außengeräusche dämpfen zum Beispiel. Bücher, die es erlauben für die Zeit der Fahrt in eine andere Welt einzutauchen. Die Zeitung, die sowohl Sichtschutz als auch Platzhalter ist. Der Sekundenschlaf, zuverlässiger als eine Dosis Morphium. Oder das Telefon/Smartphone. Gerade im Gespräch mit einem anderen Menschen an einer anderen Leitung scheint man besonders gut seine Umgebung vergessen zu können. Egal ob man Schulter an Schulter steht und der physisch präsente Mitfahrer jedes Wort ins Ohr gehaucht bekommt, bevor es in der Sprechmuschel des Telefons verschwindet. Erstaunlich wie zutraulich man Intimstes einer ganzen Welt von Mitfahrern preis gibt, wenn man sich geschützt durch eine Handyhülle wähnt. Von Trennungen und Beziehungskrisen ist da die Rede, von Bewerbungsstrategien und Terminkoordinierung, von Bepflanzungsplänen für den Garten einer Kollektive, vom Streit im Kleinen ob nun Tanne oder Buche und vom Streit im Großen, ja du solltest dich trennen. Definitiv solltet ihr alle Euch trennen: vom Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung.