Monthly Archives: März 2017

Sehnen

Und manchmal,
da ist der Platz neben mir leer.

Da fehlst Du,
Du, der mit mir das erste Mal auf ein Festival geht.
Du, der mit mir unter Sternen tanzt und
genauso verrückt ist wie ich.
Mit diesem Hauch von Spießigkeit,
in der wir es uns ganz wunderbar gemütlich machen.

Da fehlst Du,
der neben mir auf der Couch sitzt und VPN-Tunnel legt,
damit wir wissen, was auf der Insel läuft.

Da fehlst Du,
der mir Sonntags Brötchen holt und
für den ich Samstags eine Waffel kaufe.
Der mit mir Kaffee kocht und
die Rotweinflasche leert.
Der in meine Kochtöpfe schaut und
mir Geschichten erzählt.

Da fehlst Du,
der mit mir an freien Tagen aufwacht und
erkunden will,
was uns die Umgebung bietet.
Oder Du,
der mit mir ganz spontan irgendwohin fährt.

Da fehlst Du,
mit dem ich die schrammelige Kneipe bei mir um die Ecke ausprobiere,
und Du, mit dem ich nachts auf dem Spielplatz schaukeln kann.

Da fehlst Du,
der mit mir meine Heimat erkundet,
meine Wurzeln ausgräbt
und mich liebt für die, die ich bin.
Die ich war und
die ich sein werde.

Manchmal,
da fehlst Du.

Du fehlst.

Begegnungen: Die Unsicherheit

Dann habe ich dich getroffen und du warst natürlich ganz anders als ich mir das vorgestellt habe. Und gleichzeitig doch auch genauso wie in meiner Vorstellung. Was mich verwirrt und verunsichert. Wir hatten eine richtig gute Zeit, finde ich. Entspannt, unter den Umständen. Offen und ehrlich. Und das wichtigste: tiefgründig. Wie wir da am Rhein saßen mit Dosenbier. Romantisch war es nicht, es war echt. Ich mag deine Augen, deinen Ausdruck, dein Gesicht. Ich kann es dir nicht beschreiben, weil es so eine schöne Mischung ist. Aus sanft, aus offen, aus erfahren, aus dem gewissen Etwas. Ich mag deine Stimme. Ich weiß nicht, was du an mir magst. Ich habe mich oft nicht getraut, dich richtig anzuschauen. Ich war dann doch sehr aufgeregt. Natürlich haben mich die Gesprächspausen nervös gemacht, ich glaube dich nicht. Dabei hatten wir genügend Themen und das Gespräch perlte zwischen uns. Mein Herz war ruhig, mein Kopf war es nicht.

Ja, da waren auch kleine Schockmomente. Ich frage mich, was ich wohl gesagt habe, was dich hat stutzen lassen. Gestutzt habe ich, als du mir von deiner aktuellen Lebenssituation berichtet hast. Natürlich macht mich das stutzig, weil ich mich frage, wie viel Raum da für mich ist. Und es macht mich stutzig, dass ich mich das frage. Scheinbar mag ich dich, um mich das zu fragen. Und gleichzeitig weiß ich nicht, ob ich dich mag. Ich glaube wir sind schon sehr verschieden. Ich mag die Ästhetik, innen und außen. Du bist sehr bodenständig, es schien dir nicht so wichtig zu sein. Und wie immer ist es so, dass ich noch jung bin, aber doch schon viel erfahren habe, was nicht so ganz zusammen passt. Dass ich noch alle Optionen habe, sie aber gar nicht alle nutzen will. Ich weiß nicht wie alt du bist. Ich wollte es nicht fragen. Aber ein paar Optionen hast du schon genutzt und es sind die, von denen ich noch nicht weiß ob ich sie erleben will oder nicht. Mit dir wäre das dann wahrscheinlich nicht möglich.

Und wir haben viel gemeinsam. Wir haben – mit viel Kölsch – sehr viel geredet.  Und haben dabei einiges falsch gemacht  und es fühlte sich doch so richtig an. Über harte Themen zu reden. Über den Tod und das Abschied nehmen, über Gesellschaft und unsere Verantwortung darin, über die Lebenslust, den Genuss und immer wieder das Reisen, das Leben in anderen Ländern und das Essen. Unser Lebensgefühl oder das was wir gern fühlen würden. Das finde ich schon enorm. Und es war schön mit dir. Und leicht. Und es perlte wieder. Und ich habe gelacht und ich war ich selbst und ich glaube ich habe gesehen, wie du mich in diesen Momenten genossen hast.

Und dann haben wir uns verabschiedet und natürlich war es nun an dir, ein bisschen mehr zu verraten als ich. Und vielleicht warst du auch ganz mutig, aber wahrscheinlich ebenso unsicher wie ich. Unsicher, was du denn jetzt von der Begegnung hälst. Du hast dich auf die Sicherheit berufen, dass wir uns wiedersehen, so wie wir uns kennengelernt haben. Im Zufall der täglichen, geteilten Routine.

Und ich, ich weiß nicht, wie ich das sehe. Und bin plötzlich froh, dass du es vielleicht auch nicht weißt. Es offen gehalten hast. So habe ich Zeit für mich herauszufinden, wie ich die Begegnung mit dir empfunden habe. Und dafür hast du mir viel gegeben, weil du offen warst. Und das gleiche habe ich getan.

Wir sind beide komplexe Menschen durch unsere Erfahrungen. Da gibt es ganz viel, was du mir gezeigt und ich gesehen habe. Und ich brauche Zeit es zu betrachten. Und ich weiß, dass es mir jetzt schon schwer fällt, mir diese zu nehmen und sie dir umgekehrt zu geben. Es wäre das erste Mal. Aber dafür war die Begegnung mit dir perfekt.

Begegnungen: Der Pendler

Vier Jahre lang habe ich Dich jeden Morgen gesehen. Du standst ein paar Meter von mir entfernt auf dem Bahnsteig, wie ich immer ein paar Minuten zu früh oder wartend, weil der Zug ein paar Minuten zu spät war. Irgendwie bist Du mir ins Auge gefallen. Obwohl Du unscheinbar gekleidet warst, Deine Jacke meist im ähnlichen Farbton zur Hose. Aber ich mochte Deine Schuhe, die haben noch ein bisschen Rebell erkennen lassen. Warum Du mir aber wirklich aufgefallen bist: Du hast immer gelesen. Immer den SPIEGEL. Hast Du ihn abonniert oder kaufst Du ihn Dir regelmäßig? Das würde ich Dich gerne fragen. Mich hat Dein Lesen neugierig auf Dich gemacht.

Wer Du bist, was Du für Gedanken gerne spinnst, warum Du regelmäßig liest?

Ich bin dann umgezogen in der Stadt und fahre nun mit dem Zug in die entgegengesetzte Richtung. Heute war ich auf der Rückfahrt in unser beider Heimatstadt. Zunächst in meine Lektüre vertieft, der Zug war voll. Irgendwann schaute ich auf und mein Blick fiel auf den Sitz im Gang mir gegenüber. Da hast Du gesessen und den SPIEGEL gelesen. Ich habe Dich erst gar nicht erkannt, so vertraut war mir dieser Anblick. Dann schaute ich auf Deine Schuhe – das bisschen Rock’n'Roll war immer noch da. Deine Haare sind nun länger. Ich finde das steht Dir gut.

In diesem Moment hast Du aufgeschaut und mich zum ersten Mal gesehen. Mir schien doch, dass auch ich Dir vertraut war. Ich kenne das Gefühl, dass man meint alte Bekannte wieder zu treffen, sie nicht einsortieren kann, bis man merkt: Man begegnet ihnen nur jeden Morgen auf der Fahrt zur Arbeit, aber ist sich doch fremd. Im Anblick nur vertraut.

Ich habe Dich angelächelt und Du hast zurück gelächelt.

Dann hast Du Deine Augen geschlossen, Du hast vorher schon kurz geschlafen, als ich Dich betrachtet und erkannt habe. Ich hatte Herzklopfen und die verrückte Idee, mich zu erkennen zu geben. Dir einen kleinen Zettel zu schreiben, ihn Dir beim Ausstieg zu geben und Dich nach einem Kaffee fragen, bei dem wir uns über das Pendeln und den SPIEGEL unterhalten könnten. Ich fand mich albern und hab schüchtern meine Idee beäugt. Ja, ich hatte Schiss, dass Du die Idee doof findest. Und dann habe ich gedacht: Egal – das Leben will gelebt und nicht gedacht und dann verweigert werden. Ich habe Dir schnell einen Zettel geschrieben. Kurz vor dem Aussteigen habe ich mich umgedreht. Du warst wieder wach. Ich habe mich zu Dir gebeugt, Du hast mich freundlich angesehen und ich habe Dir den Zettel überreicht, mit meiner Telefonnummer und dann habe ich ganz schnell gesagt, so dass Du es sicher nicht verstanden hast: “Bevor ich mich nicht traue” und bin schnell ausgestiegen.

Hui – das Herzklopfen war riesig. Und das Glück unendlich. Und ich bin freudestrahlend nach Hause gefahren. Und begeistert. Und mutig. Und belebt, erfrischt und erfüllt. Und das alles, obwohl Du nicht geantwortet hast. Allein, weil die Gelegenheit so wunderbar war und ich da war.