Brief an einen Freund

Du,

ich habe heute etwas Schlaues gelesen und da musste ich an Dich denken. Weil auch Du schlau bist und wir immer Freude daran hatten schlaue Gedanken miteinander zu teilen. Da stand etwas davon, dass wir uns alle nach zwischenmenschlichen Beziehungen sehnen, keiner weiß das wohl so gut wie Du. Obwohl ich mich insgeheim frage, ob Beziehungen nicht immer zwischenmenschlich sind – aber ich lenke ab.

Da stand auch, dass uns oft die Angst vor Zurückweisung im Weg steht. Keine weiß das wohl so gut wie ich.

Und dass diese Angst uns dazu veranlasst, unsere Verletzlichkeit verbergen und dass wir deshalb versuchen zu kontrollieren. Und dann hat eine schlaue Psychologin herausgefunden, was Du auch entdeckst, so schien es mir zumindest. Nämlich, dass diejenigen, die sich trauen können, ihre Verletzlichkeit und Unvollkommenheit zu akzeptieren, dass die sich sehr mit anderen verbunden fühlen. Und letztendlich tiefes Glück empfinden.

Ich glaube Du bist diesem Gefühl gerade auf der Spur. Und ich, ich kann noch nicht gut meine eigene Verletzlichkeit zulassen, schon gar nicht zeigen. Das könnte in unserer zwischenmenschlichen Beziehung durchaus der Sand im Getriebe gewesen sein. Denn bei Dir, da habe ich mich doch ab und an mal getraut eine Maske fallen zu lassen. Das hast Du wahrscheinlich gar nicht gemerkt, so klammheimlich, wie ich das gemacht habe. Aber ich habe es getan. Dann war da ganz viel rohe Verletzlichkeit da, aber auch meine eigene Sprachlosigkeit, Dich darauf aufmerksam zu machen und Dich daran teilhaben zu lassen. Und in diesen Momenten ist etwas mit uns passiert. Ich bin näher zu Dir gerückt, Du hast dann mich gespürt und Dich gefragt ob Du auch was spürst. Und dann, dann war da wohl ein Nebel in Dir. Zumindest warst Du in diesen Momenten dann mit Dir und Deinen Ängsten sehr beschäftigt und hast nichts gespürt. So hast Du das gesagt. So habe ich das gehört. Und Du hast wahrscheinlich gar nicht gemerkt, wie mich das verletzt hat. Und ich habe meine Verletzlichkeit so astrein kaschiert, dass Du mich als kalt empfunden hast. Ich habe Dich dann auf Abstand gehalten und Du meintest, dass ich Menschen schnell abserviere.

Ja und dann, dann wollte ich keinen Kontakt mehr. Und will ihn immer noch nicht. Weil ich’s nicht aushalte, wenn Du mich verletzt. Weil mir das zeigt, dass ich verletzlich bin und ich mich nicht fallen lassen kann. Weil ich nicht darauf vertraue, dass ich gehalten werde. Weil ich weiß, dass Du mich nicht hälst und nicht halten kannst. Und ich mir nicht vertraue, mich selbst zu halten. Immer und immer wieder.

Aber eins will ich Dir sagen, lieber Freund. Ich spüre das, dass ich da vielleicht irgendwann anders mit meiner Verletzlichkeit umgehen kann. Dass ich vielleicht irgendwann nicht mehr gehalten werden muss. Weil ich keine Angst mehr habe zu fallen und deshalb nicht falle. Und dafür finde ich es schön Dich gekannt zu haben. Ich habe Dich lieb, lieber Freund. Aber nur aus der Ferne, aus der Nähe ertrage ich Dich nicht.

Dein Ich

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