Monthly Archives: September 2014

Paradigmenwechsel

Manchmal treibt mich eine ungeheure Nervosität um – mein Innerstes verliert sich in hektischen Gedanken, meine Füße werden kalt, meine Hände feucht. Mein Atem geht flach und gepresst, mein Blick wird fahrig. Diese Unruhe stellt sich meist ein, wenn ich mich fremdbestimmt fühle, in einer Situation, die nicht mir entspricht. Und meine Energie kein Ventil findet.

Ich mag meine Unabhängigkeit, sie gibt mir Kraft und Ruhe. Ich weiß, dass ich mich auf mich, meine Intuition und meine Entscheidungen verlassen kann. Dass ich gut für mich sorge, dass ich mich nicht im Stich lasse und dass ich mich liebe. Dieses Wissen hat mich nicht als Geschenk gefunden, vielmehr sind es Lebenslektionen mit denen ich hadere. Die schmerzhaft sind und waren, verlustreich und enttäuschend. Die mich immer wieder auf ein Ich zurückwarfen – zu einer Zeit, in der ich nicht wusste, wer ich bin. In denen ich mich zwang, zwingen musste mich selbst zu schützen – weil niemand den Job übernehmen wollte oder konnte. Die Angst davor mich im Schmerz zu verlieren, ließ mich umso fester die Kontrolle über selbigen übernehmen. Deshalb wirke ich stark nach außen, ein unerschütterlicher Fels, mächtig. Ich bin es nicht. Ich bin verletzlich, unsicher, schüchtern, ängstlich – genauso wie ich mutig, ausdauernd, neugierig und optimistisch bin. Mir war lange nicht klar, dass ich mich nicht für eine Seite davon entscheiden muss, mich also nicht verändern muss und etwas abstoßen muss, sondern dass ich beides sein darf. Und auch beides zur selben Zeit. Mir war lange nicht klar, welches Potential in beiden Seiten steckt und welche Energie in mir. Wenn ich meine Energie spürte, dann meistens im Schmerz, im Zorn. Diese Energie wurde mir vertraut – ich verwechselte sie mit Stärke und mit Festigkeit.

Wenn ich ein Gespräch mit einem Menschen führe und das Gefühl habe, ihn oder sie im Gespräch zu erkennen, Trost spenden, Zuversicht schenken und Mut zusprechen kann, dann empfinde ich pures, lebendiges Wohlsein. Wenn ich ein berufliches Projekt lenke, lose Enden durch eine Idee verknüpfen kann, meinen Verstand einsetzen, mein Wissen einbringen kann, dann belebt mich das. Beides, der zwischenmenschliche Kontakt und eine sinnstiftende Arbeit, das verleiht mir ebenfalls Energie. Diese Energie ist warm, weich und sanft. Um sie zu spüren brauchte ich aber einen Gegenspieler: Einen Menschen, der sich mir anvertraut oder ein Projekt was mir zugetragen wird.

Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Sport. Das liegt an meiner Geschichte und daran, wie in meinen Augen hierzulande Sport in Gruppen betrieben wird und wie ich ihn erfahren habe. Sport ist demnach Wettkampf, es gibt einen Gewinner, einen Verlierer. Sport ist die Droge einer, auf eine fragwürdige Ästhetik versessenen Gesellschaft. Sport ist Askese, ist die Dominanz des Geistes über den Körper. Und damit keine Philosophie für die ich stehe, mit der ich mich identifiziere. Für mich unwürdig, vielleicht auch, weil ich in diesem Bild nur verlieren konnte. Und verloren habe. Ich akzeptierte das Etikett, dass ich eben bewegungsfaul bin. Auch wenn ich dieses Etikett nicht mochte. Und es nicht zu mir passte. Bis mir klar wurde, dass meine Definition von Bewegung eben nicht zur oben beschriebenen Philosophie passt. Für mich ist Sport kein Wettkampf, kein Siegen über meinen Körper, kein Treiben zu besserer Leistung. Für mich ist Sport die Möglichkeit mit mir ins Gespräch zu kommen. Meinen Körper zu spüren, ihn zu fördern, mit ihm gemeinsam zu entdecken, was wir erreichen können. Für mich ist Sport Stille und zur Ruhe kommen, Meditation und Entspannung – sofern ich ihn impulshaft betreiben kann. Sofern ich einen Berg besteigen kann, wenn mir mein Inneres sagt: Ich will einen Berg besteigen.  Das ist nicht immer möglich. Im Alltag ist wenig Zeit für diese Impulse und nicht immer ist ein Berg vorhanden. Und ich war bisher zu wenig kreativ, mir einen solchen zu suchen. Ich habe mich stattdessen zu sehr mit anderen und deren Bewegungsimpulsen verglichen und gemessen und dabei mich und meine Bedürfnisse aus den Augen verloren.

Ich bin im Urlaub aufgewacht. Morgens um 6 Uhr, voller Unruhe und Hektik. Ich konnte es nicht erwarten aufzustehen, hinaus zu gehen. Ich musste raus. Ich musste auf einen Berg. Ich war komplett überrascht von diesem Gefühl. Kein Nachdenken, kein Zögern, nur der Wille, jetzt hinaus zu gehen. Ich folgte mir, bestieg nicht einen, sondern zwei Berge. Blickte nicht einmal zurück, war nicht erschöpft, nicht kraftlos, sondern ganz bei mir. Ruhig, ausgeglichen, froh. Ich folgte mir in meinem Tempo, maß mich mit niemandem, sondern kam ins Gespräch mit meinem Körper. Ich hätte nicht glücklicher sein können. Und da war sie wieder: Die sanfte Energie, die warme, weiche. Aber sie hatte die Kraft der zornigen, schmerzhaften Energie. Nur tat sie nicht mehr weh. Sie trug mich wie auf riesigen Schwingen – obwohl ich müde, verschwitzt und erschöpft war, fühlte ich mich leicht. Frei. Versöhnt. Erhaben. Und still. So ruhig, wie schon lange nicht mehr. Und in der Stille fand ich mein Ich. Jetzt will ich es kennenlernen.

Schritte

The beauty of the beast

Das Wichtigste vorab: Es geht mir gut. Sehr sogar. Warum ich das schreibe? Weil meine (Reise-)Berichte bisweilen zu erschrockenen Nachfragen bei meinen Freunden führten. Man hoffe, dass ich trotz der Erlebnisse meinen Urlaub genieße, dass ich nicht mehr alleine reisen soll, nicht mehr in Touristenhochburgen fahren soll – kurzum mir sowas doch bitte nicht antun soll. Das ehrt meine Freunde, dass sie sich um mich sorgen. Dafür sind Freunde da. Sie beschützen einen manchmal vor allzu großen Dummheiten, stärken einem den Rücken, sprechen Mut zu, sind für einen da.

Ich frage mich jedoch, ob wir in Zeiten fröhlich herum hüpfender Facebook-Timelines auch die Schattenseiten in unserem Leben bewundern dürfen. Über sie berichten, sie damit festhalten und betrachten dürfen. Oder ob dieses Betrachten uns mit Unbehagen erfüllt – einem Unwohlsein, dass in einer Gesellschaft existiert, die nicht offen über Enttäuschungen, Scheitern und Hoffnungslosigkeit sprechen kann. Vielleicht auch nicht darf – denn dann haben wir es ja wieder: Dieses Unwohlsein. In meiner Überzeugung lassen uns aber nur ein gelegentliches Scheitern, eine erfahrene Enttäuschung, ein Nichterfüllen eines langgehegten Traumes fähig dazu sein, überhaupt zu Träumen, zu Erwarten und ein Geschenk zu empfangen. Das hört sich paradox an? Nein, es ist eigentlich ein simples Bild, welches vor mir schon viele Glaubensrichtungen in unterschiedlichen Formen festgehalten haben: Nur wer ein Tal kennt, der kann wissen, wie es ist, wenn man dieses überwunden hat und es von einem Berg aus betrachtet. Meine Seele braucht diese Topografie: Sie braucht es ab und an ein Tal zu durchschreiten und einen Berg zu erklimmen, um sich danach erhaben zu fühlen. Einen neuen Horizont zu entdecken, weiter zu sehen. Es gibt ihr ihre Form und das Leben, welches ich erfahre und welches mich erfährt, formt mich. Ich genieße das – ja. Auch wenn ich mich im Tal furchtbar aufrege, zornig bin, enttäuscht, traurig und manchmal einsam. Niemand hat gesagt, dass es leicht ist. Es ist anstrengend – aber bisher hat sich das Aufrappeln immer wieder gelohnt. Es war ein Zeichen, dass ich im Ringen mehr Boden gewonnen als verloren habe. Es zeigt mir wie stark ich bin, wie stolz, wie tollkühn. Es zeigt mir, dass ich versuche meinen eigenen Erwartungen gerecht zu werden: Nämlich in vollen Atemzügen zu leben, auch wenn das heißt sich einmal zu verkalkulieren. Sich unwohl zu fühlen, einsam, zur falschen Zeit am falschen Ort.

Deshalb schenke ich mir diesen Beitrag, als eine Ode an die Schönheit des Biestes. Und daran, dass wir uns erlauben dürfen uns einmal nicht gut zu fühlen. Das Negatives sein darf, weil es uns zeigt, was abwesend ist: Das Gute. Und dadurch das Gute intensiver spürbar wird. Ich bin für ein offen ausgesprochenes Scheitern, dafür, eine Enttäuschung zu betrauern. Es zeigt mir mein Menschsein, es zeigt mir meine Stärke. Und es zeigt mir, wie viele Menschen daran teilhaben und dass ich nicht allein bin. Gerade in solchen Momenten, in denen es sich so anfühlt. The beauty of the beast.

beast

Fuck you very much

Es gibt Tage, da ist Alleinereisen anstrengend. Und damit meine ich wirklich alleine beim Reisen zu sein. Durch das nicht ins Gespräch kommen, durch das “durchs Raster” fallen, durch das nicht angesprochen sein, durch das sich nicht in Gesellschaft befinden. Natürlich muss man auf niemanden Rücksicht nehmen, bei der Tagesgestaltung keine Kompromisse eingehen und die eigenen Erwartungen mit deren der Begleitung abgleichen. Doch Glück, das bleibt ungeteilt, Erlebnisse unerzählt und der Tag nicht im Gespräch reflektiert. Allein.

In solchen Momenten ist Gastfreundschaft ein wohltuender Balsam. Ein Hort, ein Rückzugsort und ein Kraftquell. Ein freundliches Wort, ein erwidertes Lächeln, ein ernst gemeinter Wunsch für einen schönen Tag. Kleine Gesten, die größer wirken können. Könnten. Es sei denn man befindet sich im falschen Hotel. Am falschen Ort. Dieselben eingeübten Phrasen umgarnen den Geldbeutel – wird er nicht gezückt, ist man beleidigt. Verwehrt von nun an das Lächeln. Vergisst eine Bestellung. Vergisst den Gast.

We are a restaurant

Schon mehrere Male war ich in Griechenland – aber jedes Mal ist die Verkostung eines Retsina irgendwie an mir vorüber gegangen. Mein Hotel hat dieses Getränk nicht auf der Karte. Auf meine Rückfrage, schaut mich die Kellnerin mit gerümpfter Nase an und meint dass sie das nicht haben und das außerdem scheußlich schmeckt. Ich suche den nächsten Supermarkt auf. Kaufe mir eine Retsinaflasche. Stelle fest, dass diese einen Korken und ich keinen Korkenzieher habe. Gehe an meine Hotelbar, denke dass ich mit dem Barmann inzwischen ein wohlwollendes Verhältnis habe. Frage nach einem Korkenzieher. Erkläre, dass ich den dafür brauche mal Retsina zu kosten, den sie leider nicht auf der Karte haben. RETZZZZZINA – er spuckt mir das Wort vor die Füße. Und betont: “We are a restaurant – not a taverna.” Seitdem ignoriert mich der gute Mann. Nun – Getränke gibt es auch woanders.

Yes, please – Lady!

Ich logiere direkt an der Strandpromenade. Abends im Mondenschein gelüstet es mich bisweilen nach einem kleinen Spaziergang entlang dieser Promenade, die gesäumt ist von kleinen Tavernen und Restaurants. Die alle ihren eigenen Gästereinholer haben. Alle zwei Meter versucht jemand mich von dinner, very good food, delicious meal zu überzeugen. Alle zwei Meter lehne ich höflich ab. Der Eifrigste motiviert sich beim Anblick eines jeden Touristen mit einem “Yes please!”, bevor er – auf den gerade schlendernden Menschen angepasst – hinterher schiebt…in meinem Fall “Lady, come have dinner”. Ich versuche andere Wege für meinen Abendspaziergang – mit wenig Erfolg. Die Wege, die nicht von Restaurants gesäumt sind, sind dunkel und so verlassen, dass ich fürchten muss einem der vielen streunenden Hunde zu begegnen…nachdem mir dann für kurze Zeit auch ein Bus voll mit grölenden Herren gefolgt ist, die den Fahrer bei geöffneter Tür mit “Get her” animierten, lasse ich diese Off-Road Abenteuer besser. Nach sechs Tagen stelle ich leider aber auch fest, dass die am Anfang noch witzig erscheinenden Sprüche der Gästereinholer sehr einstudiert sind…und immer die gleichen. Das äußert sich darin, dass ich dem “Yes please” Mann zufällig im Supermarkt in einem Gang begegne. Er erblickt mich und sagt: “Yes please…”, dann fällt ihm auf, dass er off duty ist.

Smile when you are cheating

Lächeln ist etwas Schönes. Kaum ein Mensch kann einem Lächeln widerstehen. Lächelt man jemanden an, so ist der unwillkürliche Reflex zurück zu lächeln. Aber es gibt auch ein falsches Lächeln. Eines, welches es nicht bis in die Augen schafft. Ein solches Lächeln umgibt mich, sobald ich auf den Touristenpfaden wandle. Von den Shopbesitzern, von den Hotelangestellten, von den Barkeepern, von den Restaurantbesitzern. Es widert mich an. Und treibt mich in die Berge. Weit weg von den Menschenmassen, die die Insel heimsuchen. Hinein in die Stille. Und dort findet mich die Gastfreundschaft.

Blog

Come, have a look

Es ist eine Kapelle, die Santorinis Heiligem Profitis Ilias geweiht ist – nachdem auch schon ihr höchster Berg benannt ist. Ich komme etwas atemlos auf dem Bergplateau an, auf dem mich die Kappelle schneeweiß erwartet. Ein älterer Mann löst sich aus dem Schatten der Kapelle und kommt auf mich zu. Ob ich einen Blick hinein werfen möchte?, fragt er mich. Ich bin überrascht – bisher waren mir alle orthodoxen Kirchen verschlossen. Ich folge ihm in die Kühle. Er zeigt mir voller Stolz die Gemälde, erklärt mir die Heiligen, ein paar erkenne ich, das scheint ihn zu freuen. Wie ein kleines Kind weist er mich immer wieder aufgeregt auf noch eine Attraktion hin. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen. Ich frage ihn, ob er hier Priester ist. Wie ich später herausfinde, ist er der “Manager” der Kapelle. Und kümmert sich um die Elektrik. Er führt mich wieder nach draußen, deutet auf eine kleine Baustelle an der Seite der Kapelle hin. Hier arbeitet er daran…aber immer schön langsam, nur nicht hetzen, vermittelt er mir. Und ob ich einen Kaffee möchte? Den muss ich ablehnen, ich will weiter. Ich danke ihm – vor allem dafür, dass er für das Lächeln und für die Gastfreundschaft auf dieser Insel steht. Beschwingt gehe ich weiter.

Stillstand

Bewegung hat etwas Energisches: Energie treibt uns an, treibt uns fort, lässt uns Strecke machen. Doch was passiert mit dieser Energie, wenn wir uns dieser Bewegung entziehen? Wenn wir still stehen, entschleunigen und zur Ruhe kommen?

Ich folge im Alltag meist der gleichen Bewegungsenergie: Aufstehen, zur Arbeit gehen, bisschen Sport, bisschen Freizeit. Ab und an ein Highlight mit Freunden, ein Gespräch welches Geist und Körper gleichermaßen anregt, ein Erlebnis. Aber doch häufiger als gewollt der gleiche Trott. Ein getakteter Tag, Abläufe die mein Zuhause sind, denen ich bisweilen blind und wie in Trance folge. Ein Urlaub ist da eine gewollte, ersehnte Auszeit: Eine Abwechslung, ein Substitut für meinen Alltag. Hoch willkommen, wenn mich Alltägliches mich selbst vergessen lässt, ich mich weniger spüre in den immer gleichen Abläufen oder ich mich neu kennenlernen will. Not macht erfinderisch, macht Einsamkeit offener?

Im letzten Jahr war es teils Not, teils Wunsch alleine weg zu fahren. Es war keine durchweg gute Erfahrung, aber unterm Strich war ich erholter und mehr bei mir, als in anderen Urlauben. Aber auch einsamer. In diesem Jahr war es eine sehr bewusste Entscheidung alleine zu urlauben. Keine Lust auf Kompromisse, eine Neugier darauf, was mich wohl erwarten wird, eine Begierde darauf das Schicksal herauszufordern und mich voller Wucht in die Arme des Zufalls zu werfen. Der Plan war, in mir zur Ruhe zu kommen, mich wieder zu spüren, all die Erlebnisse der vergangenen Monate zu sortieren, Wunden heilen zu lassen und Heilsames in meine Seele wachsen zu lassen. Womit ich nicht gerechnet hätte: Stillstand. Leere. Neutralität.

Ich bremste ab und meine Antriebsenergie kam abrupt zum Halt. Kein angenehmes Gefühl – ich bin es nicht gewohnt mich treiben zu lassen. Ich will meine Energie kanalisieren…und wenn es in einer kontrollierten Entschleunigung ist. Das von mir beschworene Schicksal sah etwas anderes für mich vor. Ich trieb auf einer stillen Leere. Um mich herum rauschte das Leben – in mir war die Sehnsucht nach einem Sinn. Der entzog sich mir. Ich blickte ins Nichts. Kein schlechtes und kein gutes Nichts. Ein neutrales Nichts. Ein Nichts ohne oben und unten, ohne Anfang und ohne Ende ohne erfüllte oder enttäuschte Erwartungen. Ein ungewohntes Nichts. Kein Eingang und auch kein Ausgang. Ein Nichts in dem es weder Einsamkeit gibt, noch Gesellschaft. Ein Vakuum, eine Schwerelosigkeit ohne Energie. Ich treibe, trudele, dümpele im Stillstand. Und langsam, sehr langsam spüre ich, dass das Entspannung sein könnte. Sich im Nichts zu verlieren. Noch versuche ich zu analysieren, zu verstehen. Und dann taucht ein Begriff aus dem Nichts auf: Nirvana.

Nirwana

Die Schöne und ich

Erwähne ich ihren Namen, dann glänzen die Augen derer, die sie kennen. Für einen kurzen Moment gedenken sie ihrer still und sind in den eigenen Träumereien gefangen. Ihr Duft weht ihnen vielleicht noch kurz in der Nase, flüchtig nur, wie die Erinnerung an sie. Ihre Schönheit betört ihre Bewunderer, Maler, Fotografen suchen sie in Scharen heim, um nur ein bisschen in ihrem Abglanz zu glänzen. Wenn sie von der untergehenden Sonne liebkost wird, so versammeln sich in stummer Anbetung all ihre Besucher und prosten sich auf das unermessliche Glück zu, bei ihr zu sein. In diesem Moment.

Von ihr erzählen alte Schriften, seit jeher zog sie die Menschen mit ihrer Schönheit in den Bann. Doch allzu viel Bewunderung, zu große Schönheit, fordert das Schicksal heraus. Es brodelte in ihr, lange vor unserer Zeit – glühend heiße Feuer suchten die Schöne heim. Zerstörten und zerfraßen ihr Antlitz. Sie zerbrach in drei Teile, in ihrer Mitte eine tiefblaue Wunde.

Santorini, so ihr Name. Heimat für die frisch Vermählten, für die Romantiker, für all die, die sich in ihren gleißend hellen Gassen ewige Liebe schwören, um dann wieder das geblendete Auge in die blaue Ägäis enzutauchen – durchzuatmen und einen Traum zu leben. Ich will ihr einen Besuch abstatten, dieser Schönheit, mich von ihr umarmen lassen und mich von den Wellen, die sie umspülen, aus dem Alltag fort tragen lassen.

Ich lande auf einem Vulkan. Die sengende Sommerhitze hat beinahe jedes Grün verbrannt. Zwischen verdorrten Graslandschaften ragt der glühende Stein hervor, der von Santorini übrig geblieben ist. Die grell weißen Siedlungen wirken wie blank geleckte Kieselsteine, achtlos auf den Felsen verteilt. Der erste Eindruck der Schönen: Ein spröder Charme, ich bin als Besucherin willkommen – solange ich nicht vorhabe für immer zu bleiben. Der Fels zeigt mir die nackte Schulter. Ich versuche es mit einem Lächeln. Einzig das Meer – mein treuer Liebhaber – begrüßt mich wohlwollend. Sanfte Wellen streicheln meinen überhitzten Körper – das Blau eine Wiedergutmachung für meine irritierten Augen. Sieht so Schönheit aus?

Ich mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. Das Postkartenmotiv, der von Kreuzfahrttouristen heimgesuchte Ort, volle Gassen, kreischende Souvenirläden. Ich hetze durch die Gassen, versuche dem Menschenstrom zu entkommen. Santorini stinkt nach Urin – zwischen pitoresken Hotelappartments immer wieder freie Flächen. Hier versuchen Feigenbäume für Ästhetik zu sorgen, es gelingt ihnen nicht: Auf verdorrtem Gras blühen Mülllandschaften, achtlos weg geworfene Wasserflaschen verfangen sich in Plastiktüten. Nachdem ich selbst störrisch meine Wasserflasche mehrere Kilometer durch die Gassen getragen habe, auf der Suche nach einem Mülleimer, kann ich es beinahe verstehen, warum hier so viel Müll in den leer stehenden Grundstücken liegt. Santorini – du Hort der glückseligen Honeymooner – wo bist du? Ich folge den schmalen Pfaden zwischen weißen Häusern, mein Blick richtet sich auf die Caldera. Blau – tiefes, sattes, dunkles, kühles Blau. Besetzt von drei monströsen Kreuzfahrtschiffen. Sie wirken deplaziert, machen die Insellanschaft lächerlich – es lebe die Krone der Schöpfung. Ich will mich in eine der Kirchen flüchten, die Santorini ihren Charakter geben. Hellblaue Kuppeln über strahlendem Weiß. Mit Mühe gelingt es mir zu einer orthodoxen Kirche vorzudringen. Durch den Hintereingang, über den Friedhof. Ich bin fest entschlossen, mir ein Plätzchen zum Innehalten und zur Ruhe kommen zu erbeten. Ich betrete die Kirche, stolpere beinahe über das Stromkabel der Kaffeemaschine, die im Innern aufgebaut ist. Ich blicke in die verwirrten Augen eines Arbeiters: Die Kirche ist geschlossen wegen Restaurierungsarbeiten. Wo ich ansonsten beten könnte? Hm..,welche Religion? Alle orthodoxen Kirchen haben geschlossen. Es gibt eine katholische, die ist geöffnet (und Schauplatz für das Hochzeitsfotoshooting eine asiatischen Paars). Der September ist wohl die Zeit der Wiedererweckung der Kirchen: Es wird gemalert, ausgebessert, erneuert. Ich muss leider draußen bleiben.

Santorini – die Schöne, lässt sich nicht so leicht erobern. Schleudert mir gleißendes Sonnenlicht entgegen und bleibt abweisend. Aber noch lächle ich.

Wir zwei, wir werden uns schon finden, meine Schöne. Wir haben Zeit. Ich werde Dich nicht flüchtig betrachten, ich will Dich kennenlernen. Ich will in Dein Herz sehen und lade Dich in meines ein. Vielleicht nimmst Du die Einladung an.