Monthly Archives: Februar 2014

Fußstapfen

Den Mut dem eigenen Herzen zu folgen, den habe ich durch dich gelernt. Gerade weil du dich nicht immer getraut hast, mutig zu sein.

Die Gabe durch Worte Herzen zu öffnen, die hast du mir mitgegeben.

Die Leidenschaft für Sprache, die hast du in mir durch all die gemeinsamen Gespräche entfacht. Du legst Wert darauf, den richtigen Ausdruck zu finden und hast mich immer wieder korrigiert, wenn mir dies nicht gut gelang. Das nervte und schärfte gleichzeitig meinen Geist.

Die Neugierde auf Menschen und ihre Persönlichkeiten, die hast du in mir geweckt. Auch weil du mir Verständnis für manch unverständliche Haltung nahe legtest.

Die Fähigkeit zu streiten und danach (auch sich selbst) zu verzeihen, die hast du mich gelehrt.

In unserer Beziehung da hatten und haben wir immer mal wieder unsere Meinungsverschiedenheiten. Gerade weil wir uns so ähnlich sind. Aber umso mehr genießen wir unser Verständnis füreinander.

In deinen 60 Lebensjahren kommst du dir mit jedem Jahr ein Stück näher. Ich darf dich dabei beobachten und von dir lernen meinen eigenen Weg zu gehen. Und gerade die Steine, über die du gestolpert bist, lehren mich rechtzeitig einen Bogen darum zu machen.

Ich bin was ich bin, auch weil ich deine Tochter bin und gerade deshalb.

Kopfkino

Ein regnerischer Freitagabend – entspannt auf der Couch – das lädt dazu ein, sich mal wieder einen richtig guten Film anzusehen. Fix also eine Internetrecherche, was aktuell im Angebot ist. Mein Interesse weckt folgendes Videoangebot: “Männer: 15 Kilometer klassisch komplett”

Mmh, denke ich. Das klingt vielversprechend. Mein Kopfkino springt passend zum Titel an.

Film 1:

Faszinierende Nahaufnahmen und spektakuläre Kamerafahrten über den menschlich-männlichen Körper erwarten Sie in dem neuen, grandiosen Meisterwerk von George Clooney: Männer: 15 Kilometer klassisch komplett. Männer, wie die Damenwelt nach ihnen lechzt. Ob im Smoking oder im maßgeschneiderten Anzug, immer blütenrein das Hemd – so stehen sie da. 15 spannungsgelandene und elektrisierende Kilometer lang. Das Kavalierspalier für die Dame von Welt. Komplett klassisch erzogen – mit Tür aufhalten und aus dem Mantel helfen. Freuen Sie sich auf dieses Meisterwerk!

Film 2:

Weg mit dem Hipstervollbart, her mit der klassischen Herrenrasur. Wir begleiten 100 Prenzlauerberg- und Schanzenviertel Hipster bei ihrem Aufbruch in ein neues Leben. Der Bart muss ab, die Komplettrasur steht kurz bevor. Werden sie gemeinsam aus ihrem Barthaar 15 Kilometer Flachsband flachsen können, um sich anschließend in einem letzten Akt der Männlichkeit einen gnadenlosen Battle beim Tauziehen zu liefern? Es wird ein harter Kampf gegen die erbittertsten Gegner, die bereits einen Schmähsong angestimmt haben: “15 Kilometer, nie im Leben kleiner Peter (oder Paul oder Felix oder Hans-Jürgen)…”

Film 3:

Wir haben uns für Sie in ganz Deutschland umgeschaut und wir haben sie gefunden: Männer: 15 Kilometer klassisch komplett. Deutschlands polarisierendste Männercomedians wie Christian Ulmen, Bjarne Mädel und viele andere haben sich der Herausforderung gestellt: 15 Kilometer werden sie gemeinsam im klassischen Spitzentanz zurück legen. Ohne Gnade wird unsere Kamera jeden Moment der Schwäche festhalten – komplett und unzensiert.

Ach, was versprach das, ein schöner Abend zu werden…bei so viel Möglichkeiten. Dumm nur, dass es sich bei dem Video um eine öde Olympiadisziplin handelte. Wie schade.

Gesten

Ein New Yorker Fotograf hatte vor kurzem eine gute Idee: Er sprach für sein Fotoprojekt fremde Menschen auf der Straße an und bat sie sich für ein Foto zu umarmen. Anfangs noch sehr zurückhaltend, überwanden die Protagonisten mit der intimen Geste auch die vorherige Fremdheit und es entstanden Fotos, die eine große Nähe zwischen Fremden zeigen.

Im Winter sucht ein obdachloser Mensch regelmäßig Schutz in der Nähe meines Fahrradunterstandes am Bahnhof. Es gibt dort ein Dach, die Stelle ist somit einigermaßen trocken und windgeschützt, außerdem ist es hell. Dort hat er sich eine Höhle mit Decken und Pappen errichtet und wenn ich morgens mein Fahrrad abschließe und zur Bahn eile, dann schlummert er meist noch. Heute morgen war etwas anders: Ich blickte wie immer auf seine wenigen Habseligkeiten (Schuhe, Wasser- und Bierflasche, Zigarettenstummel, Plastiktüte). Doch heute stand dort auch eine leuchtend gelbe Brotdose. Gut gefüllt mit belegten Broten. Und auf der Dose klebte ein Zettel mit einem Smiley unter dem stand “Guten Morgen”.

Es sind diese kleinen Gesten, die zeigen, dass man sich noch nicht so fremd ist, wie es manchmal scheint. Und dass es nicht viel braucht, dass wir uns umeinander kümmern.