Monthly Archives: Januar 2014

Antrieb

Am Wochenende war ich mit einer Freundin wandern. Ich. Wandern. Dies erschien mir lange Zeit als Paradoxon. In meiner Kindheit fand ich Wandern anstrengend, bin aber zäh meinen Eltern noch so steile Berge hinauf gefolgt, weil mir die Vorstellung, allein im Tal zurück zu bleiben, noch viel unerträglicher erschien. Als Jugendliche pflegte ich folglich das bequeme Faulenzen mit Inbrunst und konnte einem Spaziergang in den heimischen Weinbergen rein gar nichts abgewinnen. Dann doch lieber ein Buch lesen oder sich mit Freunden treffen. Die einzigen Wanderungen, die ich unternahm, waren nachts mit meiner Jugendgruppe durch ins Mondlicht getauchte Wälder und Felder. Das Surreale der nächtlichen Landschaft machte es mir dann auch erträglich durch diese zu wandern.

Ich fühlte mich provoziert und war irritiert, wenn ich mit dem unermüdlichen Bewegungsdrang meiner Mitmenschen konfrontiert wurde. Nein, ich wollte jetzt nicht vor die Tür gehen und nein ich hatte auch kein Bedürfnis nach frischer Luft. Sport war für mich nach mehreren Versuchen in sämtlichen Leichtathletikdisziplinen (in denen ich fast ausnahmslos glorreich den letzten Platz verteidigte) kein Bedürfnis. Lästig waren die Versuche meiner Umgebung mich zu mobilisieren und als ich nach dem Abitur auch mein agiles Elternhaus verließ, winkte die Freiheit der selbstbestimmten Immobilität. Früh zeichnete ich im Kindergarten schon selbstbewusst ein Bett als meinen Lieblingsort. Und nach 15 Jahren kontinuierlicher Beobachtung, dass ich diesen nur nicht zu häufig aufsuchte, standen mir nun alle Liegestätten offen. Hurra! Nachdem ich in der Heimat weniger gute Erfahrungen mit ungestörten Ruhestätten machte, beschloss ich (natürlich auch aus anderen Gründen), das Ausland zu erkunden. Und dort fand mich die Rastlosigkeit. Eine fremde Insel erstreckte sich vor meinen Füßen und zog mich in ihren Bann. Das Meer rief mir zu, mich an seinen Stränden müde zu laufen, die Weite im Blick. Grüne Wiesen, azurblauer Himmel, unbekanntes Terrain und hinter jeder Ecke vielleicht ein neues Abenteuer? Ich fand die Lust am Laufen im Alleingang. Keine Meute, die mich wie geifernde Hunde hetzte, allein ich bestimmte wo ich wann hingehen wollte. Und dann ging ich.

Ich habe lange die Faszination an der Natur, ihren Landschaften und ihrer Stille nicht verstanden. Mir erschien es öde stundenlang durch Wälder zu streifen, dabei keiner Menschenseele zu begegnen. Ich suchte das aufregende Leben in den Städten, volle Tanzflächen um mich in der zuckenden Masse von den Rhythmen der Musik davon tragen zu lassen. Und irgendwann hatte ich das Bedürfnis, genau das, zumindest temporär, hinter mir zu lassen. Mit einer Freundin fuhr ich also vergangenes Wochenende in den Hunsrück. Schon die Fahrt durch kleine verschlafene Dörfer entlang der Mosel, weiter auf einer, sich wie eine schwarze Schlange durch das Schiefergestein schlängelnden, Straße, hinauf in verschneite Wälder und das Hochplateau des sanft geschwungenen Hunsrückgebirges. Es kribbelte in meinen Beinen, ich wollte hinaus. Wir schlenderten und marschierten durch Wälder, ergingen uns im Gespräch, das mit dem kleinen Bach neben uns um die Wette plätscherte. Oder liefen im Schweigen, unsere Augen auf weiche Mooskissen gerichtet, die sich an den Waldboden schmiegten.  Eine zufriedene Ruhe breitete sich in mir aus, ich fiel abends todmüde aber vollgesogen mit Glück ins Bett. Die Gedanken in meinem Kopf lehnten sich gelassen zurück, während ich meine Runden drehte. Und ich begann zu verstehen, warum es Menschen in die Natur zieht. Wie das Bedürfnis entsteht, sich zu bewegen. Je weniger Gestaltungsspielraum ich in meinem Alltag habe, durch geregelte Arbeitszeiten, Abgabefristen, Verabredungen; umso größer wird die Sehnsucht einfach zu gehen.

Der feine Unterschied

Zu Zeiten als Facebook noch StudiVZ hieß, da gab es dort die Gruppe “Ich finde dich schön! Für mehr Offenheit in unserer Gesellschaft”. Über 3.000 Gruppenmitglieder unterstützten diese Aussage, darunter auch ich. Leider ist eine solche freundliche, ja komplimenthafte Offenheit noch lange nicht Usus. Grund genug für mich ein wenig Ursachenforschung zu betreiben. Selbstverständlich auch mit einer ordentlichen Portion eigener Betroffenheit.

Unter Freundinnen ist es durchaus möglich sich einander zu sagen, was einen an der jeweils Anderen fasziniert. Wir sagen uns: “Du bist eine tolle/sexy/intelligente/starke Frau (mit Ausstrahlung)”. Und wir bestätigen uns mit: “Ich finde dich schön!” Manchmal auch: “Deine Titten/deinen Arsch möchte ich mal haben” oder “Das hast du jetzt aber wieder auf den Punkt gebracht, toll!”. Wenn wir unter uns, also mit dem gleichen Geschlecht, sind, dann können wir so etwas sagen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Freundin denkt, wir könnten mit diesem Kompliment einen Hintergedanken hegen. Im Gegenteil: Diese positive Zugewandtheit erhält die Freundschaft, wir tun uns gegenseitig etwas Gutes und drücken unsere Wertschätzung für unser Gegenüber aus. Soweit, so unkompliziert.

Wie sieht es nun aber aus, wenn wir dieselbe Offenheit dem anderen Geschlecht schenken. Wenn eine Frau einem Mann gegenüber ihre neutrale, aber durchaus ernst gemeinte Bewunderung kundtut. Ohne Hintergedanken, als Feststellung des Moments, als Wertschätzung des Gegenübers? Genau hier wird es kompliziert. Mann versteht Frau miss und umgekehrt. Ein Kompliment wird zum ersten Flirtversuch, zur Absichtserklärung. Aber, liebe Männer, liebe Frauen, so einfach ist es nun auch nicht. Wenn eine Frau einem Mann sagt “Ich finde dich schön!”, dann ist das noch lange keine Liebeserklärung. Und nicht zwangsläufig ein Flirtversuch. Und ja, dazu gibt es auch eine wissenschaftliche Studie.

Margaret Mead, eine amerikanische Ethnologin des vergangenen Jahrhunderts, erforschte in den Wirren des Zweiten Weltkriegs die Eskalationsstufen eines Flirts. Ein Flirt laufe nach Mead in bis zu 30 Einzelstufen ab, diese Eskalationsstufen würden aber von den Beteiligten meist unterschiedlich eingeordnet. Nicht zu vergessen der gesamte Kontext, in dem ein solcher Flirt ablaufen kann. Mir gefällt diese Wortwahl, denn in der Tat droht Mann oder Frau mit einem unbedacht geäußerten Kompliment eine Situation zu eskalieren. Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder jedem frei von der Leber weg sagen würde, wie gern er oder sie ihn oder sie hat.

Aber noch einmal zurück zu Meads Forschungen. Anlass war folgender (und hier zitiere ich Wikipedia): “Zu jener Zeit waren Hunderttausende amerikanischer Soldaten in England stationiert, und es wurde von Problemen zwischen ihnen und den einheimischen Mädchen berichtet. Diese empfanden die Soldaten als sehr aufdringlich, während die Soldaten davon berichteten, dass die Mädchen gleich mit ihnen schlafen wollten. Mead beobachtete: „Während die amerikanischen Männer sehr schnell versuchten, die Mädchen zu küssen, wurde dieser Schritt von diesen wiederum als völlig unangemessen empfunden, da er auf ihrer „Eskalationsleiter“ erst an 25. Stelle erfolgen konnte.“ Das Küssen stand bei den Männern aber schon an fünfter Stelle. Hatten die Mädchen aber dem Küssen zugestimmt, waren die letzten fünf Stufen dann auch kein großes Hindernis. Dies war wiederum für die Männer unerwartet, so dass sie ihre Partnerin schon fast als Prostituierte charakterisierten.” Oder um es mit Bart Simpson zu sagen: Ay caramba!

Kritische Stimmen könnten nun anmerken, dass ich ein einfaches Kompliment, welches man seinem Gegenüber ausspricht, nun nicht gleich mit einem Flirt gleichsetzen kann. Doch wenn wir uns die Definition eines Flirts genauer betrachten, dann ist diese durchaus differenziert, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Als erstes wird der Flirt als eine erotisch konnotierte Annäherung gesehen, als Spiel mit der sexuellen Spannung. Ja, das ist eine gängige Definition und diese lässt uns auch schlussfolgern, dass wer flirtet auch die Absicht hat, dass da irgendwann irgendwas läuft. Kratzt man aber ein bisschen an der Oberfläche dieser ersten Definition, dann findet man die Abgründe der von Mead formulierten Eskalationsstufen. Diese zeigen sich nämlich bereits in den von Wikipedia-Autoren gewählten Beispielen für einen Flirt. Und die sind fast ausnahmslos, mit Verlaub, banal: Ein Flirt kann sich also im Blickkontakt äußern, aber auch sprachlich im Smalltalk (hier würde mich dann sehr die erotisch konnotierte Annäherung beim Thema Wetter interessieren) oder durch eine Handlung. Und hier wird mein absolutes Lieblingsbeispiel aufgeführt: Zum Beispiel eine Tür öffnen. Ja ganz recht, wer anderen eine Tür aufhält, könnte je nach Eskalationsstufenempfinden schon für liebestoll und heiratswillig angesehen werden. Diese  Beispiele beschreiben für mich aber erst einmal nichts anderes als eine Aufmerksamkeit, keinen erotisch konnotierten Annäherungsversuch. Und wären damit sehr wohl einem Kompliment gleichzusetzen, nämlich dem, dass man jemand anderem seine Aufmerksamkeit schenkt.

Der Flirt, das Kompliment – eine Geschichte voller Missverständnisse? Wenn wir unsere Scheu betrachten, einem Menschen gegenüber ein Gefühl zu äußern, gerade ein positives, dann mag das vielleicht auch daran liegen, dass wir damit rechnen müssen in 90 Prozent der Fälle missverstanden zu werden. Und uns vielleicht ein erotisch konnotierter Annäherungsversuch in der Hoffnung auf später folgende sexuelle Handlungen unterstellt wird, oder noch schlimmer ernsthafte Liebesabsichten. Iiiiihhhh. Aber vielleicht würde eine pragmatische Betrachtung eines Kompliments, ausgesprochen zwischen Mann und Frau, auch für Ernüchterung sorgen. Das mühsam gehegte Selbstbewusstsein würde zerplatzen wie eine Seifenblase, wenn herauskommen würde, dass nicht jeder Mann der einer Frau die Tür aufhält, sie vor den Traualtar führen möchte. Und nicht jede Frau, die einem Mann ein gewinnendes Lächeln schenkt, ihn auch beim Bettsport bewundern möchte. Beispiele gefällig?

Sie steht einfach nicht auf dich

Die nackte Wahrheit vorweg: Ja, es gibt Frauen, die möchten ab und an einfach nur guten Sex haben. Nicht mehr, nicht weniger. NUR Sex. Dafür “benutzen” sie Männer. Da kennen sie nichts. Eine gute Freundin berichtete mir einst, dass ihr überaus geschätzer und liebevoll gepflegter Sexpartner, mit dem sie NUR Sex hatte und auch weiterhin NUR Sex haben wollte jüngst einen Rückzieher gemacht habe. Er war davon überzeugt, dass sie nun nach mehrmaligem Bettsport in Folge eine Stufe erreicht hätten, in der sie in ihn nun verliebt sei. Sie verneinte. Er bezweifelte. Im Zweifel für den Ankläger – er beendete die Sexgeschichte. Sie nahm sich einen Neuen, er hat sie bis heute nicht vergessen.

Wir sind nur Freunde

Am Ende meiner Schulzeit da fand ich ihn: Meinen besten Freund. Unsere Freundschaft bahnte sich vorsichtig an, wir hielten den Kontakt, trafen uns immer mal wieder in den Semesterferien in der Heimat um unserem gemeinsamen Schöngeisttum zu fröhnen und waren uns einig, dass wir uns in vielen Dingen einig sind. In den meisten. Auch darin, dass wir immer nur Freunde sein werden. Verwandte im Geiste. Wir konnten uns sagen, dass wir uns schön finden und es genauso meinen: Objektiv schön. Wir hatten jeweils Partner, wir wussten von den Bettgeschichten des anderen und freuten uns daran. Und wir zogen zusammen. Und erklären uns spätestens seitdem in schöner Regelmäßigkeit unseren Freunden und Bekannten. Ja, wir sind nur Freunde. Echt jetzt. Immer gewesen. Nein, er ist nicht schwul und ich nicht lesbisch. Aber was soll eigentlich das “nur”? Wir sind Freunde. Punkt.

Ich will dich treffen, aber nicht so wie du denkst

Ein glücklicher Zufall spülte am Wochenende eine Nachricht in mein Postfach in einem sozialen Netzwerk meines ehemaligen Stipendiengebers. Ein junger Mann hatte sich vertan und mich einer Veranstaltung zugeordnet, von der er mich zu kennen glaubte. Wir kannten uns nicht. Kamen schriftlich ins Gespräch, er las meinen Blog, erzählte was von sich und den Beziehungen die ihn geprägt haben und auch darüber, dass er meine Offenheit bewundert, diese selbst aber nicht teilt. Umso stolzer war ich, dass er sich dennoch mir, einer völlig Unbekannten, ein Stück geöffnet hat. Mir seine Gedanken mitgeteilt hat und ich mit ihm die ganz großen Themen wie Liebe, Beziehung, Zukunft, Leben anschneiden und diskutieren konnte. Mit einem Fremden! Völlig unvorbelastet. Herrlich. Es ist immer spannend darüber auch mit einem Mann zu sprechen. Ich äußerte meine Begeisterung darüber rückhaltlos. Und eskalierte damit die Situation. Denn natürlich waren wir durch unseren Austausch mittlerweile soweit, dass wir dachten: Mensch, da ist ein Mensch mit dem/der kann man gut reden! Lass uns einen Kaffee trinken gehen. Aber halt: auf jeden Fall nur rein freundschaftlich. Mehr nicht. Da ist es wieder…dieses “nur”.

Dieses kleine Wörtchen “nur”, macht den feinen Unterschied. Mit diesem Wörtchen sprechen wir unserem Gegenüber die eigene Urteilsfähigkeit gewissenmaßen ab. Mit einem Mann kann eine Frau nicht “nur” befreundet sein und schon gar nicht, nicht “nur” Sex haben. Eine Frau kann einem Mann auch nicht einfach “nur” ein Kompliment machen ohne mehr dabei zu denken. Und die will schon gar nicht, nicht “nur” einen Kaffee trinken. Ist das so?

“Ich finde dich schön” und ja, ich bin für mehr Offenheit in der Gesellschaft. Ich bin dafür, dass wir uns offen, freundlich, aufmerksam begegnen können. Dass wir einander sagen können, dass wir uns wertschätzen, dass wir fasziniert sind, dass wir begeistert sind. Ich bin für die Offenheit, dass das Gesagte so stehen bleiben darf. Ohne sofort eine Absichtserklärung zu sein. Denn sowohl eine Freundschaft, als auch alles andere, das muss wachsen und sich finden. Dass man einander gut findet, ist “nur” die Voraussetzung dafür.

Schattenspiele

In einem Gespräch, das ich vor vielen Monaten mit einer Freundin geführt habe, ging es um den Unterschied zwischen dem Alleinsein und dem Einsam sein. Ich meinte irgendwann: Die Kunst ist es, alleine sein zu können ohne einsam zu sein. Es war zur Zeit als ich beruflich in Berlin arbeitete, meine Fernbeziehung mich aber nirgendwo so richtig heimisch werden ließ. Ich pendelte alle zwei Wochen mehrere hundert Kilometer und auf der Strecke zwischen Herz und Arbeit, da blieb ich ab und zu ebenfalls auf der Strecke. Es kostete sehr viel Kraft, mich immer wieder neu zu justieren, zwischen Ankommen und Abschied. Es gab dabei Momente in denen ich die Freiheit des Alleinseins in Berlin genossen habe, meine dunkle, stille Wohnung, die freie Entscheidung darüber, wann ich was machen wollte. Und es gab Momente in denen ich mich in einer dunklen, stillen Wohnung einsam fühlte, mich nach einer warmen Umarmung sehnte, nach den Atemzügen eines Geliebten neben mir im Bett, nach gemeinsamen Unternehmungen. Ich bin ein Mensch, ich spüre meinen Empfindungen intensiv nach, bisweilen über die eigene Schmerzgrenze hinaus. Aber wie ein Perlentaucher finde ich auch immer wieder, in einer eigentlich lebensfeindlichen Tiefe, einen kostbaren Schatz, eine Erkenntnis, die mich immer wieder in die dunklen Tiefen meines Bewusstseins hinabtauchen lässt. Auf der Suche nach Mehr.

Wirklich bewusst wurde mir meine Leidenschaft für Tiefe mit meinem Entschluss meine Heimat und mein Land nach dem Abitur zu verlassen. Alles Bekannte hinter mir zu lassen und in einem fremden Land, in einer fremden Familie mich neu zu erfinden. Das ging damals gründlich in die Hose, mein Masterplan scheiterte grandios und führte dazu, dass ich mich entwurzelt, heimat- und vermeintlich schutzlos in einer irischen Nacht wiederfand. moi tout seul“ – Mutterseelenallein. Meine Orientierungslosigkeit zeigte sich in einer für mich ungewöhnlichen Rastlosigkeit, es trieb mich hinaus in die Natur. Am Meer fand ich meine Ruhe wieder, die gleichmäßige Brandung beruhigte meine unruhigen Gedanken, die salzige Brise erfrischte meinen Geist und die sanften Dünen und das wogende Gras waren wie eine visuelle Streicheleinheit. Ich fand in dieser Einsamkeit einen Schatz: Die Erkenntnis, dass das Alleinsein heilsam sein kann. Ich fand dort Antworten auf Fragen die mich meine gesamte Schulzeit verfolgt hatten und ich wusste, es waren meine eigenen Antworten, Antworten, denen mein Wohl am Herzen lag. Ich sortierte mich neu.

Im Studium verließ ich meine Heimat nicht mehr über Ländergrenzen hinweg, aber ich zog vom Süden in den Norden Deutschlands. Und zu Beginn umfing mich Fremde, aber auch befremdlich Vertrautes. Ich fand mich in Strukturen wieder, die ich hinter mir lassen wollte, die mich in die Enge trieben und in die Einsamkeit. Wieder zog es mich hinaus in die Natur, in die Weite norddeutscher Moorlandschaften, Wäldchen und endlos erscheinender Alleen. In der Stille dieser flachen Landschaft fand ich mein Gleichgewicht und mit ihm die Offenheit für mein neues Umfeld. Ich wurde mit offenen Armen empfangen.

Nach meinem Studium zog es mich nach Berlin, allein. Wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Aber ich genoss meine erste eigene Wohnung, so sehr wie ich davor das WG-Leben genossen habe. Aber auch hier fand mich die Einsamkeit und nistete sich in mir und meiner damaligen Beziehung ein. Ich war nicht bereit sie in mein Leben zu lassen, kämpfte mit allen Mitteln gegen sie an und beschloss sie mit einem logischen Schachzug zu entmachten: Ich zog an den Ort, an dem ich mein Herz vermutete. Ich fand es nicht, dafür einen weiteren Schatz: Ich entdeckte eine unbezahlbare Freundschaft, die Liebe verließ mich jedoch fürs Erste. Und statt zu trauern empfand ich mein Alleinsein als unbeschreibliche Befreiung, die Freiheit wieder ich selbst zu sein. Ich lachte über meine vorherige Angst vor der Einsamkeit. Ich war vorerst befreit von der Abhängigkeit nur dann Freude empfinden zu können, wenn ich diese auch mit einem Menschen teilen kann. Ich wollte den letzten Schritt gehen und beschloss, wenn auch nur im kleinen, einen Urlaub alleine zu machen.

Seit meinem ersten Solourlaub bin ich mutig geworden. Ich habe das alleine reisen, alleine speisen und alleine ausgehen für mich entdeckt. Vielleicht auch aus dem Mangel einer passenden Begleitung, aber ab und an auch aus dem tiefen Bedürfnis heraus, alleine loszuziehen und die (vertraute) Umgebung neu zu erkunden. Und doch habe ich hier eine stetige Begleiterin, die im Schatten auf mich wartet: Die Einsamkeit. Ab und an nimmt sie mich an der Hand, ihre Berührung lässt mich nach wie vor zusammenzucken und lässt mich in die Tiefe blicken. Vielleicht ist es eine Kunst, alleine zu sein und die Einsamkeit als Freundin akzeptieren zu können, denke ich mittlerweile. Sie schafft Platz in mir Schätze zu entdecken und sie zu bewahren. Sie ist der Schatten, der mir zeigt, dass ich im Licht wandle.

Wahrheit

Eine kleine Anekdote aus dem letzten Jahr. Über ein Datingportal kontaktiert mich ein vielversprechender Mann, Mitte dreißig, vermeintlich gut aussehend und im Leben angekommen, schreibt er, dass für ihn ein Kennenlernen im “echten Leben” an erster Stelle steht. Also fackeln wir nicht lange und verabreden uns zu einem Abendessen beim Italiener. Ich wähle das Restaurant aus, in Köln geht am Freitag leider nichts mehr ohne Reservierung, also reserviere ich auf meinen Namen einen Tisch für Zwei. Der Tag des Dates bricht an. Gegen Mittag beschleicht mich das Gefühl, dass ich mich noch einmal per SMS bei dem Herrn melden sollte, um mir unsere Abendplanung bestätigen zu lassen.

Ich schreibe: Hallo Ralf, bleibt es bei unserer Verabredung heute Abend? Freue mich schon sehr darauf dich kennen zu lernen. Liebe Grüße

Ralf antwortet: Hallo liebe Anna, ich hoffe Dir geht es prima. Hier bei uns im Büro ist heute irgendwie der Wurm drin. Ich kann heute leider nicht genau absehen wann ich hier heute rauskomme. Daher würde ich unser Treffen lieber verschieben, liebe Anna. Ich melde mich bei Dir wieder sobald ich zeitlich wieder etwas Luft habe. Viele liebe Grüße, Ralf.

Ich storniere also den reservierten Tisch kurzfristig und streiche den Kandidaten von der Liste. Zwei Monate vergehen, in denen ich nichts mehr von ihm höre, dann flattert eine Nachricht von Ralf in mein Postfach:

Hello hübsche Lady, hattest du heute einen entspannten und genußvollen Tag? Viele liebe Grüße Ralf

Ich kann es mir nicht verkneifen und schreibe: Oh ich erinnere mich noch gut an dich Ralf. Dank einer äußerst kurzfristigen Absage kam ich in Erklärungsnot gegenüber einem von mir favorisierten Restaurant, indem ich kurzfristig unseren Tisch stornieren musste und das nicht gern gesehen war. Ich hoffe du hattest an dem besagten Abend einen genußvollen und entspannten Ausklang.

Ralf erinnert sich plötzlich: Ja, dass tat mir noch lange leid, liebe Anja [sic!]. Mir ist ein plötzlicher Krankheitsfall in der Familie dazwischengekommen. Ich würde es sehr, sehr gerne wieder bei Dir gutmachen und Dich mit einem herausragenden Abendessen entschädigen. Meinen Abend hatte ich damals in einem Düsseldorfer Krankenhaus verbracht. Wie war denn Dein heutiger Tag?

Perspektivwechsel

Wer sich vor sagen wir 10 Jahren übers Internet gefunden hatte, dem haftete ein gewisser Makel an. Zu dieser noch dunklen Zeit was Datingplattformen betraf, munkelte man von Triebtätern, verstörten Randgruppen und asozialen Psychopathen, wenn man den allgemeinen Foren- und Chatnutzer charakterisieren wollte. Soziale Netzwerke waren noch lange nicht in der Masse angekommen und allenfalls solche Persönlichkeiten, die es “im wahren Leben eh nie schaffen werden” sahen sich im WWW nach einem passenden Partner um: Darin war sich der Volksmund einig. Den virtuellen Kontakt galt es lange als suspekt einzustufen. Jemanden zuerst nach seinen getippten Worten statt nach seinem Aussehen zu beurteilen, das war doch mit Verlaub, skurril.

10 Jahre später hat sich einiges alles geändert. Heutzutage bleibt dem neurotisch beschäftigten Großstädter keine Zeit sich “im wahren Leben” in Ruhe umzuschauen, im ländlichen Habitat bietet das Internet ungeahnte Kennenlernmöglichkeiten. Datingplattformen boomen dank Freundes-Partner-Affärensuche von einsamen Herzen. Ein schier endloser Bilderkatalog an Profilen ermöglicht die schnelle visuelle Selektion, ein nach wissenschaftlichen Methoden erschaffener Kriterien- und Vorliebenkatalog lässt eine Auswahl in die passende Schublade zu. Blöd, wer noch normal jemanden in der Bahn oder Kneipe kennenlernt. Geschweige denn über den Freundeskreis. Man weiß ja nichts über den/die Fremde/n, kennt keinen Steckbrief und kann nach ein paar Bier seinem eigenen Sehvermögen auch nicht mehr ganz trauen. Wer weiß welchen Psychopathen man da gerade gegenüberstehen hat. Lieber schnell wieder in die sterile Welt der Datingplattformen, da weiß man was man hat und woran man ist. Und oft muss es hier gar nicht zu einem realen Kennenlernen kommen, umso besser. Und so kommt es, dass das soziale Leben außerhalb eines festgesteckten Freundeskreises in der Realität verstummt. Mit gezückten Smartphones in die virtuelle Kommunikation vertieft, überhören wir ein “Guten Morgen” oder auch ein “Darf ich Sie auf ein Getränk einladen?”.

Schauen wir einmal 10 Jahre in die Zukunft. Ein gut funktionierendes Geschäftsmodell hat sich in der Realität etabliert. In sogenannten Cafe-Sessions lernen Menschen wieder das Gespräch miteinander und wie sie in ganzen Sätzen auf ein “Guten Morgen” reagieren können. Wichtigste Lektion dabei: Dem Gegenüber live in die Augen schauen und dem Blick standhalten.

Geistesblitz

Die Muse ist ein launisches Geschöpf. Fröhlich kichernd entzieht sie sich dem brachliegenden Geist, der auf ihre Eingebung hofft und sich sehnlichst nach ihrem Kuss sehnt. Vielleicht weil sie sich bisweilen rar macht, weil sie ein Kind des Zufalls ist, begehren wir sie so.

Jobs in der Kreativbranche bringen es mit sich, dass die fleißigen Arbeiter auf eine gutfunktionierende Affäre mit der Muse angewiesen sind. Schließlich sind kreative Leute diejenigen, die alle anderen Kollegen aus dem tristen Alltagstrott reißen, das Unternehmen durch geniale Einfälle sanieren und noch nie Dagewesenes erschaffen sollen. Durch eine einzige Idee. Einen Geistesblitz. Die Inspiration wird ähnlich definiert, als “unerwarteter Einfall” und “Ausgangspunkt für künstlerische Kreativität”. Aber auch der Geist, spiritus, steckt in der Inspiration. Und spiritus wird wiederum mit Leben übersetzt. Kreativität kann also auch eine Eingebung vom Leben sein, beispielsweise eine guthe Geschichte.

Ich habe mir am Wochenende darüber Gedanken gemacht, über was ich als nächstes schreiben könnte. In der Tat ist mir seit Weihnachten nichts erzählenswertes begegnet, keine Absurdität des Alltags, die ich hätte verarbeiten wollen. Liegt das nun daran, dass einfach nichts erzählenswertes um mich herum passiert ist? Das wäre die logische Erklärung für die mangelnde Inspiration, ein unerwarteter Einfall wollte sich nicht einstellen. Aber das mag ich irgendwie so nicht glauben, das wäre mir zu fatalistisch. Ein weiterer Erklärungsversuch: Vielleicht fiel mir deshalb nichts ein, weil ich zu sehr darauf gewartet habe, dass mir etwas einfällt.

Auf der anderen Seite schreibt das Leben ja noch immer die besten Geschichten, ich kann also einfach abschreiben. Dafür muss ich das Buch in dem diese Geschichten geschrieben stehen aufschlagen, das Leben lesen. Kennen wir das nicht alle, meist in der Zeit vor Klausuren, dass wir manchmal vor einem Text saßen, ihn zwar physisch lasen, aber nicht erfassten? Seite um Seite umblätterten, aber hätte uns jemand gefragt, was wir gerade gelesen haben, dann hätten wir nicht antworten können. Weil der Text nicht fassbar war, die Worte sich nicht zu einem Sinn zusammenfügten. Wir sind beim Lesen abgeschweift. So ist es meiner Ansicht nach auch beim Gedanken machen, beim inspiriert sein. Ich glaube dass viele Ideen in unserem Kopf herumschwirren, dass sie immer da sind. Die Kunst aber ist es, einen Zugang zu diesen Ideen zu finden. Eine davon zu extrahieren, ins Bewusstsein zu ziehen und ihr Leben einzuhauchen. Mein Zugang zu meinen Ideen ist oft ein Impuls. Ein Bild, ein Gesprächsfetzen, eine Begegnung oder sogar die Abwesenheit einer Idee. All das kann wie ein Blitz in meinen Geist einschlagen und eine Idee aus meinem Gedankenwirrwar herauslösen. Ein bisschen Chaostheorie der Kreativität.

 

Wiedergeburt

Meine Suche nach der Liebe beginnt mit einem Klick auf “Löschen”. Mein virtuelles Ich verschwindet aus dem Portal und ich entziehe mich fürs Erste allen potentiellen Möglichkeiten.

Jetzt lausche ich in die Leere des Bildschirms hinein. Bereue ich es?, frage ich mich selbst. In mir antwortet nur die Stille. Meine Gedanken verlassen den Rhythmus aus Log in, Mails checken, Mitglieder betrachten – ich sehe in die Flamme der Kerze vor mir auf dem Tisch. Bewundere ihre tanzenden Schatten an der Wand. Meine Gedanken huschen durch meine Erinnerung. Die Tage meiner rastlosen Suche, die verschwommenen Gesichter der vielen Profile, die meine Wege kreuzten. Mit jedem neuen Gesicht eine neue Geschichte, wie ein Buch nur flüchtig aufgeschlagen. Und irgendwann kamen mir die ersten Zeilen einer neuen Begegnung bekannt vor, die Geschichten glichen sich, die neuen Kontakte verloren immer mehr an Reiz. Die Neugierde verblasste nach und nach, ein tiefes Sehnen in mir blieb. Kein Profil und kein Mensch dahinter vermochte es zu stillen – zu flüchtig war der Kontakt. Am Anfang trieb mich der Heißhunger nach Neuem, ich konsumierte atemlos. Innehalten wollte ich nicht, ich wollte jagen und sammeln. Schneller, besser, mehr. Meine Erfahrung wuchs und mit ihr die Leere in mir. Zunächst bemerkte ich es nicht. War wie berauscht von vorübergehender Aufmerksamkeit, Bewunderung und Verehrung. Wie ein emsiges Bienchen sammelte ich die Anerkennung, füllte damit Löcher, die sich schon lange in mich fraßen. Wie Eintagsfliegen starben die neuen Kontakte ab, hinterließen eine brüchige Selbstliebe.

Foto: Christian Rosery

Foto: Christian Rosery

Mit F.’s letztem Anruf knickte ich um; das atemlose Jahr danach, die Liebhaber die es mit sich brachte, richteten mich wieder auf. Aber einem Orkan konnte ich nicht trotzen. Es braucht Zeit, sich einzugestehen, dass man verletzlich ist und sein darf. Diese Zeit hatte ich vorerst nicht, im Netz fand ich Ablenkung, Erbauung, Enttäuschung. Und jetzt der Klick auf “Löschen”. Motiviert durch hoffnungsvolle Stärke. Ich spüre mich und den Boden auf dem ich stehe. Das Leben vibriert in mir.

Meine Gedanken irren orientierungslos umher. Noch ist es ungewohnt sie ins Leere laufen zu lassen. Ihnen die virtuelle Plattform zu entziehen, die Möglichkeiten Hoffnungen an Unbekanntes zu knüpfen, Luftschlösser zu bauen, sich in Profile zu verlieben. Sich zu testen, ob man wieder bereit fürs Leben, für den Sturm ist. Ich sehe ihn am Horizont, wie er sich zusammenbraut. Stelle mich ihm entgegen: Will von ihm erfasst werden, mich mitreißen lassen, mir den Atem rauben lassen, mich von den Füßen reißen lassen und genau darin Halt finden. Ich erwarte den Sturm mit ausgebreiteten Armen. Und mit ihm die Liebe.